Geschichte

Versöhnliche Äußerungen des dänischen Königs beim Besuch in Tondern 1920

Versöhnliches beim Besuch des Königs in Tondern 1920

Versöhnliches beim Besuch des Königs in Tondern 1920

Tondern/Tønder
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Bankvorsteher Oluf Olufsen war 1920 der Bürgermeister in Tondern, der den dänischen König Christian X. zwei Tage nach dessen Ritt über die Königsaugrenze, am 12. Juli 1920, auf dem Marktplatz begrüßte. Die deutsche Mehrheit im Stadtrat hatte Olufsen zum Stadtoberhaupt gewählt. Olufsen vertrat einen pragmatischen Kurs angesichts der neuen Verhältnisse. Foto: Holger Damgaard / Kgl Bibliotek

Die „Neue Tondernsche Zeitung“ berichtete über Abfuhr für den dänisch gesinnten Bankvorsteher am 12. Juli vor 100 Jahren: „Du sollst nicht Böses mit Bösem vergelten.“ Hurrarufe für das Staatsoberhaupt von Zugereisten aus dänischen Orten in der Umgebung.

Der erste Besuch König Christian X. 1920 in Tondern und Hoyer/Højer, wo bei der Abstimmung am 10. Februar jeweils rund 75 Prozent der Wahlberechtigten für einen Verbleib Nordschleswigs bei Deutschland gestimmt hatten, war mit besonderer Spannung erwartet worden. Die Abtretung Nordschleswigs von Deutschland an Dänemark hat sich 1920 erst mehrere Monate nach den Volksabstimmungen am 10. Februar und 14. März des Jahres vollzogen.

Deutsche Mehrheit in Tondern

In der Abstimmungszone 1, in der Tondern lag, hatten 75 Prozent für eine Vereinigung des Gebietes mit Dänemark votiert. Die seit Jahresbeginn 1920 in den beiden Abstimmungszonen „regierende“ Internationale Kommission hatte am 15. Juni die Souveränität über die Abstimmungszone 1 (Nordschleswig) an Dänemark übertragen. Erst am 9. Juli 1920, einen Tag vor dem berühmten Ritt König Christian X. über die dann schon ehemalige deutsch-dänische Grenze bei Christiansfeld, unterzeichnete das Staatsoberhaupt das dänische Gesetz zur Eingliederung der nordschleswigschen Landesteile („sønderjyske landsdele“) ins Königsreich.

Nach „Wiedervereinigungsfest“ in Tondern

Nach den Feierlichkeiten („Genforeningsfesten“) auf der Düppeler Höhe am 11. Juli 1920, hielt König Christian X. einen Tag später seinen Einzug in Tondern. „Der König trifft am Montag, den 12. Juli, um 3 Uhr nachmittags, von Sonderburg kommend, ein, besteigt vor der Stadt den Schimmel, die Königin einen Wagen, während das Gefolge zu Fuß nachfolgt“, berichtete die „Neue Tondernsche Zeitung“ (NTZ), die in den vorangegangenen Tagen über viele Probleme in Tondern wegen der Passpflicht an der neu gezogenen Grenze berichtet hatte und immer wieder kritisierte, dass Tondern trotz klarer deutscher Mehrheit am 10. Februar mit dem übrigen Nordschleswig aufgrund der „En-Bloc-Abstimmung“ in der nördlichen Zone dänisch wurde.

Ehrenkompanie für den König

Die deutsche „NTZ“ berichtete über das Programm weiter, dass eine Ehrenkompanie der in Tondern einige Wochen zuvor stationierten dänischen Dragoner das Staatsoberhaupt erwartet. „Der König reitet die Front ab und sodann nach dem Marktplatz, wo sich der Bürgermeister, die Mitglieder der dänischen Kollegien sowie die Beamten versammelt haben. Der Bürgermeister hält eine Ansprache an den König, die dieser beantwortet. Daraufhin besichtigt der König die Kirche und begibt sich im Wagen mit der Königin nach dem Hospital, wo das Königspaar die Veteranen und die Alten im Hospitalstift begrüßt. Um 3.30 Uhr erfolgt die Abfahrt nach Schloss Schackenburg.“ Das ist ein Hinweis, dass der König Gast in Mögeltondern war, wo ihn Graf Otto Diderik Schack erwartete, der kurz zuvor zum Amtmann ernannt worden war.

Die deutsche Zeitung stichelte

Erwähnt wird, dass ein Militärorchester ein Konzert im Tonderner Stadtparkt gibt. Die „NTZ“, die in der Berichterstattung einen recht nüchternen Ton anschlägt, zitiert nach dem Besuch Christian X. in Tondern „dänische Blätter“, dass der König dem Bankvorsteher Rossen, er war dänischer Vertreter im Stadtparlament, das den deutschen Politiker Oluf Olufsen zum Stadtoberhaupt gewählt hatte, „eine Abfuhr“ erteilt hatte.

Es heißt im Artikel der „NTZ“ dass dem König im Kreishaus 20 Personen aus Tondern vorgestellt wurden, die beim Kriegsausbruch 1914 von den deutschen Behörden interniert worden waren. „Bankvorsteher Rossen hielt bei dieser Gelegenheit eine Rede, in der er besonders stark hervorhob, dass die preußischen Behörden Flamme des Hasses und der Rache über Südjütland angezündet hätten“, so die Zeitung und fügt hinzu, Rossen berichtete, dass der deutsche Landrat ausgerufen habe, der „letzte Rest der Dänentums werde erloschen“ sein, wenn der Krieg beendet sei.

Die „NTZ“ schrieb weiter: „Der König erwiderte: ‚Es freut mich, Sie alle zu begrüßen. Man hat zwar hart hier mit den Dänen verfahren, doch es gibt ein altes Wort, das sagt: Du sollst nichts Böses mit Bösem vergelten, und es entspricht natürlich dem dänischen Volkscharakter, dieses Wort zu befolgen. Ich glaube, es gilt jetzt, an ernstere und bessere Dinge zu denken, als an frühere Ungerechtigkeiten zu erinnern‘.“

Spott über Backstubenpatriotismus

Und die „NTZ“ stichelte auch mit einem weiteren Artikel über einen „enthusiastischen Bäcker“, der bei der Einfahrt des Königs im Auto, der Ritt war vermutlich wegen eines Sturzes des Königs zwei Tage zuvor ausgefallen, den „Passanten und Anwohnern der Westerstraße“ einen „possierlichen Aufzug“ bot. „Aus einem Hausflur sprang urplötzlich eine weiße Gestalte, ein Bäcker in seiner mehlbestaubten Tracht, wie er direkt vom Backtrog entwichen auf die Straße und schnurstracks auf das vorüberfahrende Auto des Königs los, lief eine Strecke weit neben dem Gefährt her und haschte nach den Händen des Königs, diese mit Enthusiasmus drückend und schüttelnd“, so die Zeitung vor 100 Jahren. Der Enthusiasmus sei mit dem Stadtverordneten Thorwald Petersen völlig durchgegangen. Und es wird gefragt, ob dieser „Backstubenpatriotismus ein neuer Beweis für das erwachende Dänentum in Tondern sein sollte.

Die Dänischen Staatsbahnen (DSB) setzten anlässlich des Königsbesuchs in Tondern Sonderzüge ein, um Teilnehmer zu den Festlichkeiten zu befördern. Foto: Der Nordschleswiger

Die „NTZ“ versäumt nicht zu erläutern, dass zwar Menschenmassen die Straßen Tonderns anlässlich des Besuchs des Königs „durchwogt“ hätten. Doch seien vor allem „Scharen vom Lande und weit her“ in die Stadt gelockt worden. Es seien auch dänische Fahnen in der Stadt zu sehen gewesen, weit mehr, als es „dänisch gesinnte Menschen in Tondern gibt“. Der Stadt sei ein „leidlich aufgeputztes dänisches Gewand verliehen“ worden, dass der „wirklichen Herzensgesinnung der Einwohnerschaft keineswegs entsprach“.

Deutsche Begrüßung in Hoyer

Auch aus dem benachbarten Hoyer berichtet die „NTZ“. Dort sei der Königsbesuch ohne besonderes Festgepränge verlaufen. Der König habe die „gerade Ehrlichkeit Hoyers“ zu schätzen gewusst, die darin zum Ausdruck kam, dass der dortige deutsche Bürgermeister das Staatsoberhaupt in deutscher Sprache begrüßte und erklärte, man werde loyal sein. Die „NTZ“ schrieb: „Offen und freundlich kam dann die Antwort aus Königsmund, dass es ihn freue, ehrliche Menschen zu treffen. Man könne nicht heute zu dem, und morgen zu einem anderen halten.“

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