Die Woche am Alsensund

„Es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist“

Es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist

Es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist

Sonderburg/Sønderborg
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Warten auf einen Gesprächspartner für ein Interview im Freien – diese Situation kommt dieser Journalistin derzeit sehr bekannt vor … Foto: Karin Riggelsen

Rocky hatte Recht, findet Journalistin Sara Wasmund. Warum in der Lokalredaktion Sonderburg nichts mehr ist, wie es einmal war und weshalb man vor dem Abendessen ruhig mal eine Rede halten sollte, beschreibt sie in ihrer neuen Kolumne „Die Woche am Alsensund“.

Wir schreiben den 5. Februar 2021 und ich meine erste Kolumne, die nach dem Ende unserer Papierzeitung ausschließlich digital erscheint. Wirklich nichts ist mehr, wie es einmal war.

Jetzt schneit es auch noch! Ich drehe ein Handy-Video nach dem anderen und schicke die bewegten Bilder über die Familiengruppe auf Whats App gen Süddeutschland. Das glaubt mir sonst kein Mensch. Ich bin kurz davor, mich in die Hofeinfahrt zu legen und einen Schneeengel zu wischen, traue mich aber nicht so recht.

Seltene Sonderburger Schneeflocken

Zum ersten Mal seit Jahren fliegen draußen vor den Sprossenfenstern äußerst seltene Sonderburger Schneeflocken durch die Luft und legen sich auf die Millionen anderen, die vor ihnen hinabgestürmt sind. Aus winzigen Flocken werden weiße Weiten, die alles andere unter sich begraben.

Die Corona-Viren sind noch viel winziger, begraben aber auch so ziemlich alles unter sich. Sommerurlaub, Stadtbummel oder gleich die ganzen Olympischen Spiele – aus die Maus, alles ist nicht mehr. Es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist. Rocky hatte Recht.

Home Office mit Blick auf den Alsensund

Und so ist derzeit alles vorbei und nichts mehr, wie es einmal war, auch nicht in der Kommune Sonderburg. Die Corona-Pandemie hat unser Alltagsleben in einen eisigen Winterschlaf versetzt, der mit Unterbrechungen nun fast schon ein Jahr dauert.

Für meine Kollegin und mich als Journalistinnen in der Sonderburger Lokalredaktion des „Nordschleswigers“ ist derzeit somit alles anders. Ilse arbeitet alleine in der Redaktion in der Sonderburger Perlegade, ich zu Hause im Home Office mit Blick auf den Alsensund, der an mir vorbei links rum Richtung Sonderburg führt. Wir sehen uns in Online-Konferenzen und besprechen morgens am Telefon unseren Arbeitstag.

Mein Blick aus dem Büro. Es gibt Schlimmeres, aber die Kollegin fehlt … Foto: Sara Wasmund

Die Sonderburger Stadtratspolitiker tagen online, sämtliche Veranstaltungen sind abgesagt. Es gibt weder Suppenabende noch Generalversammlungen, und die Tour de France durch Sonderburg ist auf nächstes Jahr verschoben. Das Vereinsleben ist ausgeschaltet.

Einfach mal eine Rede halten

Eine Vernissage kann man derzeit nur dann erleben, wenn man selbst ein Bild malt oder die Knete der Kinder modelliert, um dann das ganze der Familie als große Kunst zu präsentieren. Einfach mal kurz vor dem Abendessen gegen das Glas Ribena-Sirup klopfen und eine Eröffnungsrede halten. Eine Kunst für sich.

Wir telefonieren viele Geschichten ein, oder treffen uns für Interviews und Reportagen mit ein bis vier Menschen unter freiem Himmel, im Naturpark oder in einem großen Raum. Die stehen ja ohnehin gerade alle leer …

Während mir der Schneesturm über Nordschleswig nur für einen Augenblick die Luft raubt, wenn ich auf dem Weg zu einem Termin vor die Haustür trete, ersticken überall auf der Welt Menschen am Coronvirus. Die Welt hält die Luft an.

Sara Wasmund, Lokalredakteurin

Während mir der Schneesturm über Nordschleswig nur für einen Augenblick die Luft raubt, wenn ich auf dem Weg zu einem Termin vor die Haustür trete, ersticken überall auf der Welt Menschen am Coronvirus. Die Welt hält die Luft an.

Jedes Land versucht und hofft, so gut wie eben möglich durch diese Ausnahmesituation zu kommen. Mit geschlossenen Grenzen, leeren Konzertsälen und Frisören, die beim Haareschneiden in die Illegalität abrutschen. Kerzen auf dem Geburtstagskuchen auspusten und danach die Kuchenstücke an die Gäste verteilen? Alleine der Gedanke daran lässt uns nervös prüfen, ob der Mund-Nasenschutz noch ordentlich sitzt.

Es ist immer zu früh, um aufzugeben

Nichts ist, wie es einmal war – aber das bedeutet nicht, dass nichts mehr kommt. Und es ist immer zu früh, um aufzugeben, vor allem die Hoffnung.

Jetzt heißt es nochmal tief Luftholen, und sich wie ein Shetlandpony mit dem Hintern gegen den Nordost-Wind stellen und warten, bis der Sturm aufhört. Und irgendwann demnächst stehe ich als Journalistin wieder inmitten einer Vernissage im Multikulturhaus, sitze im Stadtratssaal am Pressetisch oder tauche ein in das Getümmel der Kulturnacht am Sonderburger Hafen. Und dann ist endlich nichts mehr, wie es in der Corona-Krise war.

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