Offene Grenzen

Erleichterung: „Erst konnten wir es gar nicht glauben“

Erleichterung: „Erst konnten wir es gar nicht glauben“

Erleichterung: „Erst konnten wir es gar nicht glauben“

Ruttebüll/Rudbøl
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Die Grenzbarrieren in Ruttebüll wurden am Donnerstagabend abgebaut. Foto: Silvia Brodersen

Kirsten Bossen und Silvia Brodersen freuen sich nach monatelanger Wartezeit auf die Öffnung der Grenzübergänge. In Ruttebüll ist die Welt jetzt wieder in Ordnung. Die Grenzbarrieren wurden am Donnerstagabend entfernt.

Sie sind Schwestern und sind beide im weitesten Sinne in der Gastronomie tätig und leben am Grenzübergang. Eine auf deutscher, die andere auf dänischer Seite. Die 60-jährige Kirsten Bossen in Ruttebüll und die 55-jährige Silvia Brodersen in Rosenkranz. Sie jubelten, als Dänemark am Donnerstagabend den Grenzübergang öffneten. „Wir waren so aufgeregt. Ich glaubte erst, das war eine Fake News. Aber das war es ja nicht. Das wäre eigentlich ein Grund zum Feiern mit Sekt gewesen“, freut sich Silvia Brodersen, die in dritter Generation die Gastwirtschaft „Der alte Grenzkrug“ betreibt. Ihre ältere Schwester ist Besitzerin der Jugendherberge, Hostel Rudbøl

Kirsten Bossen ist zufrieden, dass die Grenze wieder passierbar ist. Foto: Karin Riggelsen

Für die Bewohner des Grenzlandes war die Schließung der kleinen Grenzübergänge ein Ärgernis beim Einkaufen in Deutschland. Viel ernster sah es für die Berufspendler und Landwirte aus, noch ernster war es für Kirsten Bossen und Silvia Brodersen. Sie bangten um die Existenz ihrer Betriebe.

Kirsten Bossen, die mit der Grenzschließung viele Gäste verloren hat, kommentiert die Öffnung der Grenzübergange kurz und bündig: „Super, endlich! Bevor auch das letzte Geschäft in Rosenkranz schließt“ und denkt dabei an das Ende des Calle-Supermarkts auf deutscher Seite.

Der Abbau der Grenzbarrieren wurde in Ruttebüll sehnsüchtig erwartet. Foto: Silvia Brodersen

Sie hat unter anderem ausbleibende Besuche der vielen Ornithologen verzeichnen müssen, die sonst in der Marsch nach Vögeln Ausschau halten und bei ihr einkehren. Auch gab es keine Fahrradurlauber und Wanderer „Sie wollten den Umweg über die Grenze in Seth nicht auf sich nehmen, um nach Ruttebüll zu fahren, und sind weggeblieben. Nun hoffe ich, dass sie wiederkommen“, erklärt die resolute Besitzerin der Jugendherberge.

75 Prozent des Umsatzes sind weg

Bei ihrer Schwester ist der Umsatz während der Coronazeit und der Grenzschließung um 75 Prozent in den Monaten Mai bis August weggebrochen. Von zehn Gästen kommen neun aus Dänemark. Sie glaubte am Donnerstagabend ihren eigenen Ohren nicht, als sie von der Öffnung der Grenze in Kenntnis gesetzt wurde. Als die Grenzbarrieren entfernt wurden, hielt sie diesen Augenblick fast wie beim Fall der Mauer mit Bildern und dem Kommentar „Die Grenze ist offen“ auf Facebook fest.

Silvia Brodersen (l.) mit Jan Faltings und Sohn Johann aus Rosenkranz sowie Thomas Georg Nielsen und Clara Christensen aus Ruttebüll. Foto: Karin Riggelsen

„Wir haben zwar nicht unsere Existenzgrenze erreicht, haben uns aber unendlich viele Gedanken gemacht. Schließen wir werktags? Schließen wir ganz? Richten wir eine Ferienwohnung ein, um zumindest diese Einnahme zu haben? Wir haben schon viel unserer Altersversorgung in unser Haus investiert“, erklärt Silvia Brodersen, die seit 2018 die Gastwirtschaft selber führt, nachdem ihr Mann gesundheitsbedingt in Rente gehen musste.

Daher hoffe ich weiter und bin gespannt, was der Herbst und Winter bringen werden. Ich gebe die Hoffnung nicht auf.

Silvia Brodersen, Gastwirtin aus Rosenkranz

„Ich habe mit offenen Karten gegenüber unserem Personal gespielt und habe den Mitarbeitern erzählt, dass wir kurzfristig entscheiden werden. Ich kann aber den Krug nicht schließen, der auf das Jahr 1744 zurückdatiert werden kann. Meine Großeltern besaßen ihn seit 1925, und betrieben in 44 Jahre, bis meine Eltern den Krug übernahmen. Nach 23 Jahren übernahm ich das Ruder. Daher steckt so viel Herzblut drin. Schließlich bin ich seit meinem dritten Lebensjahr hier aufgewachsen", erzählt die Gastwirtin.

„Daher hoffe ich weiter und bin gespannt, was der Herbst und Winter bringen werden. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, obwohl wir wegen der Abstandskriterien heute 40 bis 50 Prozent weniger Gäste in unserer Gastwirtschaft haben dürfen“, erklärt die Gastronomin, die auch auf die vielen „Sort-Sol“-Gäste verzichten musste. Am Donnerstagabend kam aber schon der erste Gast aus Dänemark und hat einen Tisch für heute Abend bestellt", freut sich Silvia Brodersen.

Sie musste auch auf die vielen Busgesellschaften von „Sort Sol“ verzichten. Zur Überbrückung der Flaute bot der Grenzkrug Essen außer Hauses an und brachte Mahlzeiten von Haxe, den berühmten Putenkeulen und Schnitzel an den Grenzübergang, wo die dänische Stammkundschaft die Lieferung abholte. „Immer so, dass uns die Kameras an der Grenze nicht erfassten. Man konnte ja nie wissen In den ersten zwei Wochen rentierte sich der Lieferdienst überhaupt nicht. Als es besser lief, musste ich Personal haben, wenn plötzlich ein größerer Auftrag einging“, erzählt sie weiter.

Silvia Brodersen liefert Essen am Grenzübergang aus. Foto: privat

„Mal sehen, was die kommenden Monate bringen und wer nach Weihnachten übrigbleibt. Mal sehen, was wiederkommt“, erklärt Silvia Brodersen dennoch optimistisch. Wie ihre Schwester erlebte auch sie, dass die Gäste nicht den 27 km langen Umweg über Seth in Kauf nehmen wollten. Zudem wurden Straßenarbeiten auf der Strecke von Aventoft nach Ruttebüll vorgenommen. Ein weiterer Grund für das Ausbleiben der Gäste.

Bürgermeister freut sich über offene Grenzen

„Das ist ein Tag der Freude für die Kommune Tondern. Wir haben hart für eine geschmeidigere Lösung an den Grenzübergängen gearbeitet", sagt Bürgermeister Henrik Frandsen (Venstre), nachdem sich die Bürger der Kommune Tondern nun nicht nur mit dem Grenzübergang bei Seth begnügen müssen, sondern die fünf weiteren Übergänge nutzen können.

„Dass die Barrieren komplett weg sind, und dass nur Stichprobenkontrollen durchgeführt werden, ist für die Pendler und auch für die Wirtschaft von großer Bedeutung", so Frandsen. Er führt an, dass die Kommune Tondern sich mit politischem Druck für eine Lösung eingesetzt habe. „Wir haben auf die Pendlerproblematik aufmerksam gemacht", so der Bürgermeister.

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