Leitartikel

„Grenzland? Welches Grenzland?“

Grenzland? Welches Grenzland?

Grenzland? Welches Grenzland?

Nordschleswig/Apenrade
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Warum entscheidet die dänische Regierung immer wieder über die Köpfe der Grenzlandbewohner hinweg? Das ergibt keinen Sinn, meint Chefredakteur Gwyn Nissen.

Da hatten wir uns im deutsch-dänischen Grenzland doch gerade daran gewöhnt, dass die dänische Regierung bei neuen Corona-Maßnahmen Rücksicht auf unsere Region nimmt. Doch schon nach wenigen Tagen im neuen Jahr gibt es die erste herbe Enttäuschung: Die Corona-Verantwortlichen beweisen nochmals, dass sie das Grenzland, so wie es ist und funktioniert, einfach nicht verstehen.

Bereits im Frühjahr 2020 machte die Regierung die Grenzen ganz zu und erntete dafür viel Kritik. Erst spät erkannten Behörden und Politik, dass das Leben in unserer Region von offenen Grenzen und der Mobilität über die Grenze abhängig ist.

Seitdem sind viele Entscheidungen mit Rücksicht auf das Grenzland getroffen worden. Dass das Verständnis und das Wissen über Grenzlandverhältnisse in Kopenhagen aber immer noch nicht präsent sind, zeigte sich am Wochenende erneut.

Reisende aus Schleswig-Holstein müssen jetzt bei der Einreise einen negativen Corona-Test vorweisen – Grenzpendler müssen sich allerdings nur wöchentlich testen lassen. Das hörte sich zunächst verlässlich an, doch wie und wo sollten sich Tausende von Grenzpendler aus Südschleswig am Wochenende testen lassen?

Schleswig-Holstein und Deutschland haben ein anderes Testverfahren als in Dänemark. Darüber hätte sich das dänische Justizministerium vorher informieren können – ja, müssen. Eine längere Anlaufzeit oder Tests in Dänemark hätten Tausenden von Pendlern viel Frust erspart.

Trägt Dänemark die Verantwortung für ein „unzureichendes“ deutsches Testsystem? Nein, aber Dänemark hat eine Verantwortung den dänischen Arbeitgebern gegenüber, deren Mitarbeiter aus Deutschland kommen, um täglich hier ihre Arbeit zu verrichten. Sie sind dänische Steuerzahler und haben auch die gelbe Krankensicherungskarte – also wäre es nur fair gewesen, für unsere Mitarbeiter eine vernünftige Regelung zu finden. Die Wirtschaft in Nordschleswig ist auf jeden dieser Mitarbeiter angewiesen.

Eine Pandemie zwingt Regierungen zu außergewöhnlichen und schnellen Entschlüssen. Doch auch diese müssen Sinn ergeben. Was in diesem Zusammenhang überhaupt keinen Sinn ergibt, ist zum einen, dass die Inzidenz in Schleswig-Holstein um ein vielfaches geringer ist, als zum Beispiel in Kopenhagen. Wenn es also um unseren Schutz – oder dem Schutz Dänemarks – geht, müssten wir eigentlich Kopenhagen abriegeln und nicht Schleswig-Holstein.

Ein weiteres Paradox: Dänische Staatsbürger, die in Schleswig-Holstein leben, müssen keinen Test vorweisen. Wieso? Können sich Dänen in Deutschland nicht infizieren? Wie sind sie in Kopenhagen bloß darauf gekommen?

Auch in Nordschleswig und im deutsch-dänischen Grenzland sind wir uns unserer Verantwortung bewusst. Die meisten hier machen alles mit und leisten im Kampf gegen das Coronavirus sogar einen größeren Einsatz als in anderen Teilen Dänemarks.

Wenn das aber weiter so bleiben soll, müssen die Entscheidungen nachvollziehbar, fair und umsetzbar sein. Ansonsten geht das Vertrauen verloren – auf beiden Seiten der Grenze.

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