Gerichtsprozess

Die Angeklagte: „Warum sollte ich das denn tun?“

Die Angeklagte: „Warum sollte ich das denn tun?“

Die Angeklagte: „Warum sollte ich das denn tun?“

Ilse Marie Jacobsen, Sara Wasmund
Sonderburg/Sønderborg
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Das Berufungsverfahren wird am Dienstag fortgesetzt und ist für acht Tage anberaumt. Foto: Sara Wasmund

Im Westlichen Landesgericht hat eine 66-jährige Angeklagte am Dienstag den Vorwurf des Mordversuches von sich gewiesen. Sie habe keinen Grund gehabt, ihren Ehemann töten zu wollen, so die Frau von Alsen. Im Anschluss sagte ihr Ehemann vor Gericht aus.

Im Fall einer verurteilten Ehefrau, die ihren Ehemann vergiftet und mehrfach in Lebensgefahr gebracht hat, ist am Dienstag der Prozess am Westlichen Landesgericht fortgesetzt worden. Sowohl Opfer als auch Angeklagte machten ihre Aussagen.

Die Angeklagte Renate Bach, die seit Dezember 2018 in Untersuchungshaft sitzt, beantwortete bereitwillig alle Fragen von Staatsanwältin und Anwältin. Anfangs wurden ihre Aussagen vom Stadtgericht vorgelesen. Sie bestätigte ihre damaligen Angaben: „Wir sind seit 43 Jahren verheiratet und führen eine glückliche Ehe“, stellte die Angeklagte gelassen fest.

Das Medikament Baclofen, mit dem ihr Mann Dutzende Male vergiftet wurde, während er in drei verschiedenen Krankenhäusern lag, nehme sie noch immer jeden Tag, obwohl sie nicht, wie anfangs angenommen, an Parkinson leidet. Die Tabletten helfen ihr bei ihren feinmotorischen Herausforderungen, so die Angeklagte.

Auf die Frage der Staatsanwältin Anette Wolf Pedersen, ob sie sich an ihrem Rechner Informationen zum Thema Vergiftungen beschafft habe, wie die Polizei später festgestellt hatte, verneinte sie. „Andere können ja auch an unseren Computer“, so Renate Bach, die laut Ärzten an einer psychosomatischen Störung („funktionelle lidelser“) leidet.

„Hast du dir Sorgen gemacht?“

Das im Zuhause des Paars sichergestellte Baclofen waren Tabletten, die die 66-Jährige in den Krankenhäusern erhalten hatte, weil sie ihre eigene Medikamente vergessen hatte, so Renate Bach.

Ihr Mann hatte mehrfach manchmal wochenlang im Koma gelegen. „Hast du dir Sorgen gemacht?“, fragte die Staatsanwältin.
„Ja. Das habe ich. So habe ich ihn noch nie erlebt“, so Renate Bach. Erdbeer- und Apfelgrütze hatte sie ihm lediglich im Sonderburger Krankenhaus gebracht, weil ihm das Essen im Hospital selten schmeckt.

Ein Wachmann, der das Zimmer des Gatten im Kopenhagener Reichshospital beaufsichtigte, hatte gehört, wie der Ehemann seiner Frau sagte: „Gib mir die Pillen, die du mir sonst gibst.“ Sie hatte ihn vertröstet. „Ich wusste ja nicht, von welchen Pillen er redet“, meinte sie vor dem Landesgericht. Ihr Mann habe manchmal wirr geredet.

Das Ehepaar war sich laut der Angeklagten einig: Wennn einer der beiden schwer erkrankt und nicht mehr selbst auf sich achtgeben könnte, sollte die Person nicht gerettet werden.

Ich liebe ihn, und wir sind seit 44 Jahren zusammen. Ich will vor ihm sterben.

Renate Bach, Angeklagte

„Ich liebe ihn, und wir sind seit 44 Jahren zusammen. Ich will vor ihm sterben“, so Renate Bach. Ihr Mann besuche sie jeden Freitag im Gefängnis. Die Kinder kommen ebenfalls regelmäßig zu ihrer Mutter.

Auf die Frage der Anwältin, ob sie ein Motiv hätte, schüttelte sie den Kopf. „Ich habe doch kein Motiv. Warum sollte ich das tun?“, fragte sie.

Nach der Mittagspause sagte das Opfer vor Gericht als Zeuge aus. Staatsanwältin Anette Wolf Pedersen fragte den im Rollstuhl sitzenden Zeugen, ob er eine Erklärung dafür habe, wie das Baclofen in seinen Körper gelangt sei.

„Ich bin absolut davon überzeugt, dass ich im Krankenhaus die falschen Medikamente erhalten habe. Alle Krankenhäuser haben zugegeben, dass es zu falscher Dosierung kommen kann. Ich habe ja immer nur eine Schale mit Tabletten bekommen und wusste nicht, was da alles drin war. Ich bin mir sicher, dass es sich um einen Fehler des Krankenhauses handelt“, so der Zeuge.

Opfer glaubt an Fehler der Krankenhäuser

Ob er es für wahrscheinlich halte, dass man ihm in allen drei Krankenhäusern aus Versehen und mehrfach eine Überdosis Baclofen gegeben habe? Ein Medikament, das ihm nie verschrieben wurde? „Ja, so muss es gewesen sein“, so der Zeuge.

„Unsere Ehe war gut und ist gut, es gab keine Probleme. Kein Streit, überhaupt nicht.“ Er kann sich die Vergiftung schlichtweg nicht erklären, so der Mann. „Ich fasse es immer noch nicht, wie das passieren konnte, wie das machbar war. Wir hatten ein gutes Leben. Und wir haben ein gutes Leben, jetzt vielleicht gerade etwas auf Abstand. Nein, ich fasse es nicht.“

Der Prozess wird am Mittwoch mit der Befragung von Zeugen fortgesetzt. Kommenden Dienstag soll die Schuldfrage geklärt werden.

Renate Bach war im November 2019 vom Sonderburger Stadtgericht zu sieben Jahren Haft verurteilt. Die Frau aus Höruphaff/Høruphav wurde für schuldig befunden, ihren Ehemann mit dem Medikament Baclofen zwischen Juli und Dezember 2019 vorsätzlich vergiftet und ihn mehrfach in Lebensgefahr gebracht zu haben.

Die Verurteilte ging in Berufung vor dem Westlichen Landesgericht. Dort plädiert die 66-Jährige zu Prozessbeginn auf Freispruch.

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