Schüler machen Zeitung

Gesellschaft wirft Frage der Identität auf

Gesellschaft wirft Frage der Identität auf

Gesellschaft wirft Frage der Identität auf

Schüler des Deutschen Gymnasiums für Nordschleswig
Apenrade/Aabenraa
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Sophie, Mieke, Jenny und Svea sind sich einig: „Der Druck der Gesellschaft löst Identitätskrisen aus.“ Foto: Privat

Vier Schülerinnen des Deutschen Gymnasiums für Nordschleswig (DGN) haben sich mit dem Identitäsgedanken in der Grenzregion auseinandergesetzt.

Menschen die einer Minderheit angehören, beschäftigen sich häufig anders und setzen sich viel intensiver mit dem Thema Identität auseinander als Menschen der Mehrheitsbevölkerung. Als vor 100 Jahren die Grenze neu zwischen Deutschland und Dänemark gezogen wurde, entstanden Minderheiten auf den beiden Seiten der Grenze. Angehörige der Minderheiten befassen sich seitdem immer wieder neu mit dem Begriff Identität.

Vier Schülerinnen des Deutschen Gymnasiums für Nordschleswig, Svea, Sophie, Mieke und Jenny, haben sich mit dieser Thematik genauer auseinandergesetzt. „Die ewige Frage der Zugehörigkeit und der Identität beschäftigt jeden, der zu einer der beiden Minderheiten gehört, einmal im Laufe des Lebens“, sind sich die Mädchen sicher.

In den vergangenen Wochen haben sich die Schülerinnen mit Personen der deutschen und dänischen Minderheit auf beiden Seiten der Grenze unterhalten und sich mit der Geschichte der Minderheiten auseinandergesetzt. Mittelpunkt der Recherchen war die Frage: „Wie identifizieren sich die Angehörigen der Minderheiten?“ Für die Schülerinnen steht fest: „Identität kann man nicht definieren – für jeden ist Identität etwas anderes.“

Jugendliche haben verschiedene Hintergründe

„Jeder in der Minderheit identifiziert sich anders. Einige sehen sich als Grenzkind, andere einfach als Europäer“, erklärt Svea. „Sie wollen sich nicht auf ein Land oder einen Begriff festlegen“, fügt Sophie hinzu. „Ich fühle mich als dänisch-gesinnte Nordschleswigerin“, so Jenny.

Es zeigt sich: Die Jugendlichen haben verschiedene familiäre Hintergründe und identifizieren ihre Rolle in der Minderheit daher unterschiedlich. „Oftmals wird man in eine Minderheit hineingeboren, denn vor allem in Nord- und Südschleswig sind viele Familien generationsübergreifend präsent in den Minderheiten“, erklärt Sophie.

Ich fühle mich auf beiden Seiten heimisch – für mich macht es keinen Unterschied, ob ich bei meiner Mama in Rendsburg bin oder hier in Nordschleswig in meiner Wohnung. Für mich gehört alles im Umkreis bis zur Eider irgendwie zusammen.

Sophie, Schülerin

Dies ist bei Jenny, Svea und Mieke der Fall, denn ihre Familien bewegen sich schon über Generationen hinweg in der dänisch-deutschen Minderheit. Dementsprechend war es für die Elternteile klar, ihre Kinder auch an der Minderheit und an der Zweisprachigkeit teilhaben zu lassen.

Sophie ist auf eine andere Weise in die Minderheit gekommen. „Meine Eltern, die beide gebürtige Deutsche sind, haben mich aufgrund der kleinen und gemütlichen Atmosphäre in einen dänischen Kindergarten in Südschleswig angemeldet.“

Die Mädchen sind sich einig: „Es hat viele Vorteile, in einer Minderheit zu leben.“ Ein gutes Beispiel dafür sei, dass die Menschen in der Grenzregion sowohl die deutschen als auch die dänischen Traditionen leben. In der deutsch-dänischen Weihnachtszeit würde es daher neben dem dänischen Julefrokost den Nikolaustag am 6. Dezember geben.

Zweisprachigkeit als Privileg

Alle vier finden vor allem die Zweisprachigkeit toll, mit der sie aufgewachsen sind – beruflich können sie sehr davon profitieren. „Ich habe bei einem Catering-Service in Deutschland nahe der Grenze gearbeitet. Wir haben nur an Dänemark geliefert. Meine Kollegen haben wenig Dänisch gesprochen, es gab viele Schwierigkeiten mit der Kommunikation. Ich wurde dann dazugeholt, um mit den dänischen Kunden zu kommunizieren“, erzählt Sophie.

„Ich fühle mich auf beiden Seiten heimisch – für mich macht es keinen Unterschied, ob ich bei meiner Mama in Rendsburg bin oder hier in Nordschleswig in meiner Wohnung. Für mich gehört alles im Umkreis bis zur Eider irgendwie zusammen.“

Eine ähnliche Erfahrung hat auch Jenny gemacht: „Als ich im Hotel 6400 in Sonderburg gearbeitet habe, musste ich oft den deutschsprachigen Kunden helfen, da das Personal nicht so gut Deutsch konnte.“

Minderheit lockert Gedankenzüge auf

In der Gesellschaft heutzutage sei es schwer, keine Vorurteile gegenüber Mitmenschen zu haben, gerade was die Herkunft betrifft, so Mieke. „Eine Minderheit lockert solche Gedankenzüge auf – doch trotzdem sind sie noch nicht ganz weg“, meint die Schülerin.

„Ich bin sowohl Teil der deutschen als auch der dänischen Minderheiten – ich erlebe oft, dass ich mich in eine Minderheit einordnen soll. Das zeigt, dass es selbst in den Minderheiten Schubladen-Denken gibt.“ Daher steht für Mieke fest: „Ich bin nicht entweder-oder, sondern beides und mehr – ich bin Grenzkind.“

Zu den Interview-Partnern der Schülerinnen gehört Maj Heinrich, die der dänischen Minderheit in Deutschland angehört und die Duborg-Schule in Flensburg besucht: Sie sagt: „Die Vielfältigkeit der Identität sorgt generell für Offenheit in seinen eigenen Gedanken.“

Merit Meta Meyer (links) und Mej Heinrich stellen sich den Fragen der Schülerreporter. Foto: Privat

Dieser Meinung ist auch Merit Meta Meyer: „Man bekommt bestimmte Werte wie Toleranz gegenüber anderen mit – und man lernt, nicht direkt Vorurteile gegenüber Personen zu haben, da man selber oft genug mit Vorurteilen konfrontiert wird.“

Frage nach der Identität ist immer präsent

Viele der Menschen, die sich in der dänisch-deutschen Minderheit bewegen, stellen sich nicht die Frage, ob sie dänisch oder deutsch sind. Aber warum eigentlich?

Bei unserer Vorbereitung hat sich herausgestellt, dass es nicht die Minderheitsbevölkerung ist, die sich mit der Identitätsfrage beschäftigt, sondern vielmehr die Mehrheitsbevölkerung. Denn für uns als Minderheit ist es nicht ungewöhnlich, sich sowohl mit Dänemark als auch mit Deutschland zu identifizieren. Aber die Mehrheitsbevölkerung stellt sich diese Frage: Denn eine länderübergreifende Identifikation ist nicht üblich. Es ist also eine Thema der Mehrheitsbevölkerung, was sich auf die Minderheit überträgt. Denn wenn die länderübergreifende Identifikation ständig infrage gestellt wird, beginnt man gegebenenfalls, dies auch infrage zu stellen.

Morlyn Frenzel Albert ist Gesamtleiterin der deutschen Kindergärten der Kommune Apenrade. Sie ist in der dänischen Minderheit aufgewachsen und lebt und arbeitet heute in der deutschen Minderheit: „In der dänischen Minderheit, wo ich groß geworden bin, habe ich mich natürlich auch deutsch empfunden, da ich in Deutschland lebte. Aber ich habe mich auch sehr mit Dänemark verbunden gefühlt. Ich hatte nie eine Identitätskrise, da ich mich seit jeher Deutsch und Dänisch fühle und kann nicht sagen, dass das eine komplett weg ist, sondern es geht ineinander über, wie für einige im Grenzland“, so Frenzel Albert.

Da entsteht der Druck, dass ich mich einer einzigen Sache unterordnen muss: Und das ist Dänisch oder Deutsch

Svea, Schülerin

Das habe sich auch nicht geändert, als sie sich entschlossen hat, Deutschland zu verlassen und nach Nordschleswig zu ziehen. „Denn hier bin ich in Dänemark und fühle mich natürlich mit Dänemark verbunden. Denn ich lebe hier und spreche viel Dänisch mit der dänischen Bevölkerung. Zeitgleich fühle ich mich hier sehr deutsch in der deutschen Minderheit, weil ich für die Minderheit hier lebe und arbeite und das auch liebe.
Ich muss mich nicht rein deutsch in Dänemark fühlen – ich gehöre hier zum zweiten Mal einer Minderheit an“, so Frenzel Albert.

Es sei nie so, dass man nur das eine oder das andere ist. „Also, das wäre sehr fanatisch zu betrachten, und es würde auch so viel ausschließen, was uns hier im Grenzland bereichert. Ich sehe in der Minderheit einen Schatz, Ressourcen und ein tolles Miteinander.“

Kein Verständnis der Mehrheit

Sophie findet es blöd, dass man sich zuordnen muss: „Ich möchte mich nicht zuordnen. Ich will einfach so sein, wie ich bin. Ich benenne meine Identität nicht für mich selber. Ich weiß ja, wo ich zu Hause bin. Leider muss ich mich identifizieren, um anderen Leuten klarzumachen, wer ich bin – und das stört mich“, macht Sophie klar.

„Der Druck der Gesellschaft löst Identitätskrisen aus – dadurch, dass die Mehrheitsbevölkerung oftmals kein Verständnis für Minderheiten und Mehrsprachigkeit hat – sie können es nicht nachvollziehen“, erklärt Sophie.

„Da entsteht der Druck, dass ich mich einer einzigen Sache unterordnen muss: Und das ist Dänisch oder Deutsch“, so Svea.

„Es gibt laut der Mehrheitsbevölkerung nur das eine oder das andere“, kritisieren die Mädchen.

Svea, Mieke, Jenny und Sophie

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Leitartikel

Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
„Mutiges Museum“