Geschichte

Prägende Persönlichkeit im Schulwesen Nordschleswigs ab 1920

Persönlichkeit im Schulwesen Nordschleswig ab 1920

Persönlichkeit im Schulwesen Nordschleswig ab 1920

Apenrade/Aabenraa
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Nicolai Svendsen (links) hat laufend die Schulen im Amt Tondern besucht. Er legte dabei große Strecken zu Fuß zurück, wenn er Schulen wie die in Jerpstedt auf dem Foto aufgesucht hat. Er reiste per Bahn von Tondern bis Hoyer, von Tondern gab es einen Bus nach Ballum. Foto: Institut for Sønderjysk Lokalhistorie

Die neue Ausgabe von „Sønderjysk Månedsskrift“ enthält Beiträge über Amtsschulkonsulent Nicolaj Svendsen, die Gründung von „Grænseforeningen“ vor 100 Jahren und das Wirken der Malerin Agnes Smidt.

In der historischen Zeitschrift in Nordschleswig, „Sønderjysk Månedsskrift“, enthält das neue Heft 8 im Jahrgang 1920 mehrere Beiträge, die direkt oder indirekt das Großereignis vor 100 Jahren, die Entwicklung vor und nach den Volksabstimmungen und der Grenzziehung mit Eingliederung Nordschleswigs nach Dänemark 1920 zum Thema haben. Der Beitrag Birthe Refslund Thomsens über ihren Großvater Nicolaj Svendsens (1873-1966) hat auch Bezug zur Geschichte der deutschen Nordschleswiger nach 1920. Svendsen, der in Hjemstedt (Hjemsted) bei Scherrebek (Skærbæk) geboren wurde, hat während der deutschen Herrschaft in Nordschleswig das Lehrerseminar in Tondern (Tønder) besucht, nach Tätigkeit als Lehrer u. a. in Holstein war er seit 1904 als Journalist der dänischen Zeitung „Dannevirke“ in Hadersleben tätig. Er war ein Mitstreiter des führenden Dänen H. P. Hanssen. In der Übergangszeit der Volksabstimmung wirkte er kurz als Bürgermeister in Hadersleben (Haderslev) und hatte von 1920 bis 1946 als „Amtsskolekonsulent“ im Amt Tondern großen Einfluss auf die Neuordnung der Schulverhältnisse.

Nicolaj Svendsen verließ den Schuldienst und war ab 1904 bis 1920 für die Zeitung „Dannevirke" in Hadersleben tätig. Foto: Institut for Sønderjysk Lokalhistorie

Bereits kurz nach der Volksabstimmung in der 1. Zone, mit der die Einbeziehung Nordschleswigs in den dänischen Staat am 10. Februar 1920 entschieden wurde, bemühten sich die Regierung in Berlin und die neue deutsche Minderheit um Minderheitenregelung für den deutschen Bevölkerungsteil. Die dänische Regierung lehnte Sonderregelungen ab. Unter der Leitung von Nicolaj Svendsen gab es jedoch im Rahmen der „Sønderjyske Skoleordnung“, die bis 1945 galt, Raum für kommunale deutsche Schulen und Schulklassen.

Eltern hatten Anrecht auf deutsche Schulklassen

Am 30. Juni 1920 war ein Gesetz dazu verabschiedet worden, das lokal gewählten Schulkommissionen das Recht einräumte, bei einem Anteil der Elternstimmen von 20 Prozent und höher deutschsprachige kommunale Klassen einzurichten. Birthe Refslund Thomsen berichtet, ihr Großvater habe aufbauend auf eingehende Kenntnisse über die dänische und deutsche Sprache und Kultur nach dem Prinzip gehandelt, allen Bürgern in der Gesellschaft Verständnis, Toleranz und Respekt zuteil werden zu lassen. Svendsen führte die Aufsicht über die kommunalen deutschen Schulen.

Er habe dieses Amt „mit Umsicht und Verständnis“ ausgeübt, schrieb der deutsche Schulrat a. D. Artur Lessow 1988 über Svendsen, der sich für einen „demokratischen, toleranten und verständnisvollen Wettstreit“ im Grenzland eingesetzt habe. Lessow wies auch darauf hin, dass Svendsen, der 1897 eine Lehrerstelle in der deutschen St. Petri Schule in Kopenhagen übernommen hatte, dort den „Vater“ der bis heute bestehenden deutsch-dänischen Grenze, H. V. Clausen, kennengelernt hatte. Dessen Studien zur deutsch-dänischen Sprach- und Gesinnungsgrenze waren Grundlage der 1918 von H. P. Hanssen propagierten Abstimmungszonen.

Svendsen sprach vor dem Völkerbund

Interessant sind im Beitrag die Angaben, dass Svendsen 1923 nach einer Klage der deutschen Reichsregierung über die Schulverhältnisse der deutschen Minderheit vor dem Völkerbund in Den Haag die Bedingungen der damals 33 kommunalen deutschen Schulen und 11 privaten deutschen Schulen erläuterte. Lehrmaterialien und Lehrergehälter habe der dänische Staat finanziert. Der Beitrag von Refslund Thomsen weist auch auf die Enttäuschung Svendsens über die Radikalisierung und Nazifizierung der deutschen Nordschleswiger ab 1933 hin. Das Kapitel endete mit der Schließung der deutschen Schulen 1945, was offenbar nicht im Sinne Svendsens war.

Sohn im KZ umgekommen

Lesen kann man auch über einen besonders schweren Schlag für die Familie Svendsen, deren Sohn Erik, der sich der dänischen Widerstandsbewegung angeschlossen hatte, in die Fänge der deutschen Gestapo geriet und nach Verschleppung ins KZ Neuengamme im KZ-Außenlager in Ebensee in Österreich umgekommen ist.

Vorgeschichte des Grenzvereins

Das historische Heft widmet den ersten Beitrag dem bis heute einflussreichen dänischen Grenzverein „Grænseforeningen“. Darin berichtet der Historiker Axel Johnsen vom Museumsverbund „Museum Sønderjylland“ über das Jubiläum des offiziell am 2. November 1920 gegründeten Vereins. Johnsen klärt darüber auf, dass der Verein, der seit Jahrzehnten mit Ortsvereinen in ganz Dänemark vor allem Einrichtungen der dänischen Minderheit in Südschleswig unterstützt und sich für ein friedliches Miteinander im Grenzland engagiert, aus dem Zusammenschluss von Vereinen hervorgegangen ist, in dem sich in vielen Orten Dänemarks seit den 1880er Jahren vor allem aus dem damals deutschen Nordschleswig ausgewanderte Menschen trafen. Außerdem schlossen sich dem neuen Verein Organisationen an, in denen sich wie im Verein „To Løver“ vor allem in Kopenhagen „Staatsnationalisten“ zusammengeschlossen hatten, die nach dem Verlust Schleswigs und Holsteins 1864 von einer Wiederherstellung der historischen Grenze an Eider oder Danewerk träumten.

Johnsen berichtet, dass die „Sønderjyske Foreninger“ in die innerdänischen Auseinandersetzungen um den Kurs in Sachen Volksabstimmungen und Grenzziehung hineingezogen wurden. Johnsen erläutert, dass in den Ortsvereinen Mitglieder dominierten, die aus dem nördlichen Schleswig stammten. Diesen seien die Verhältnisse in Schleswig bekannt gewesen, weshalb diese sich mehrheitlich dem Kurs H. P. Hanssens angeschlossen hätten, keine maßlosen Forderungen hinsichtlich der neuen Grenze anzustreben, damit nicht zu große Gebiete mit deutschen Mehrheiten zu Dänemark kommen.

Interessante Künstlerin vom Dorf

Ein interessantes Kapitel der kulturellen Welt in Nordschleswig stellt die frühere Museumsinspektorin Inger Lauridsen in ihrem Beitrag über die Kunstmalerin Agnes Smidt (1874-1952) vor. Die im Dorf Lundsmark bei Hvidding (Hviding) in Nachbarschaft zur einstigen deutsch-dänischen Grenze aufgewachsene und nach ihrer Ausbildung in Kopenhagen dort tätige Frau engagierte sich in der kulturellen Arbeit der dänisch-nordschleswigschen Bewegung.

Diese Selbstbildnis zeigt Agnes Smidt in den 1920er Jahren. Foto: Sønderjysk Månedsskrift

Inger Lauridsen berichtet über den nicht einfachen Weg der Malerin, von der Werke Platz in bedeutenden Ausstellungen wie 1904 in Charlottenborg fanden, eine künstlerische Ausbildung in Kopenhagen zu erhalten.

Mit diesem Porträt in Öl war Agnes Smidt in einer Ausstellung in Charlottenborg im Jahre 1904 vertreten. Foto: Sønderjysk Månedsskrift

Sie sei aufgrund ihrer Verbundenheit mit der Heimat nach Lundsmark zurückgekehrt, so Inger Lauridsen. Nach Betrieb einer Art Heimvolkshochschule, in der junge Leute Aufnahme fanden, die im Umland durch Pflanzen von Windschutz ihren Aufenthalt finanzierten, engagierte sich Agnes Smidt in Arbeitslagern, in denen während der Wirtschaftskrise junge Arbeitslose im Zuge der Sozialgesetzgebung der Regierung Stauning stabilisiert wurden.

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