Geschichte

100 Jahre Grenzziehung 1920 aus deutscher Perspektive

100 Jahre Grenzziehung 1920 aus deutscher Perspektive

100 Jahre Grenzziehung 1920 aus deutscher Perspektive

Apenrade/Aabenraa
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Die Gemeinde Holnis auf der deutschen Seite der Flensburger Förde hatte 1920 eigene Notgeldscheine. Auf dem vom Tonderner Künstler Johannes Holtz gezeichneten Schein wird an den Krieg 1864 erinnert. Motiv ist das dänische Dampfkriegsschiff Rolf Krake, dessen Einsatz während der Kämpfe zum dänischen Verdruss ausblieb. Foto: Archiv HAG

Die Heimatkundliche Arbeitsgemeinschaft für Nordschleswig (HAG) präsentiert den Jahrgang 2020 ihrer Schriften. Die Beiträge liefern guten Einblick in Geschehen und Stimmungslage vor 100 Jahren mit Wirkung bis in die Gegenwart.

In diesen Tagen ist das Heft 95, Jahrgang 2020, der Schriften der Heimatkundlichen Arbeitsgemeinschaft für Nordschleswig (HAG) an die Mitglieder des Verbandes versendet worden. Neben fünf Beiträgen, vier davon aus der Feder von HAG-Vorstandsmitgliedern, die der Grenzziehung 1920 und deren Folgen gewidmet sind, enthält das 147 Seiten und viele Fotos umfassende Heft den Text eines Vortrages des früheren Hauptvorsitzenden des Bundes Deutscher Nordschleswiger (BDN), Hans Heinrich Hansen. In diesem liefert er Einblick in seine eigene Lebensgeschichte und stellt Höhepunkte seines Wirkens für die deutsche Minderheit und zugleich wichtige Stationen der jüngeren Geschichte der deutschen Nordschleswiger dar.

Foto: V Heesch

In seinem Vorwort zum neuen Heft der HAG geht der Vorsitzende der HAG, Lorenz Peter Wree, auf die besondere Note des aufgrund der Corona-Krise veranstaltungsmäßig weitgehend ausgefallenen Grenzjubiläums im deutsch-dänischen Grenzland ein. Nach jahrelangem Abbau der Grenzbarrieren im seit 1920 geteilten Schleswig habe das Jubiläumsjahr 2020 im Zuge der wochenlangen Grenzschließungen als Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie den Menschen auf deutscher wie dänischer Seite der Staatsgrenze „zum Bewusstsein gebracht, wie einschneidend die Grenzziehung vor 100 Jahren für das Leben der Menschen gewesen sein muss“, schreibt Wree und fügt hinzu, dass dieses Jahr an der Grenze zu „einer Jubiläumsveranstaltung eigener Art“ geworden sei.

Am 16. Juni 1920 ließen sich deutsche und dänische Eisenbahner am Tag der Übergabe des Betriebs von der deutschen Bahn an die Dänischen Staatsbahnen (DSB) in Hadersleben fotografieren. Foto: Dansk Jernbane Museum

Wer in gut verständlicher Form und in überschaubarem Umfang die Geschichte der Grenzziehung 1920, deren Vorgeschichte und wichtigsten Aspekte wie die Einteilung der Abstimmungszonen, Abstimmungsmodalitäten und Abläufe nachlesen möchte, ist im ersten Beitrag von Jan Schlürmann unter dem Titel „1920 – eine Grenze für den Frieden. Die Volksabstimmungen zwischen Deutschland und Dänemark“ an der richtigen Adresse. Es ist der Text eines Vortrags des gebürtigen Flensburgers und promovierten Historiker während der Neujahrstagung des BDN in Sankelmark im Januar 2020, der auf großen Beifall gestoßen war. Schlürmann verdeutlicht, dass der Verlauf und die Bedingungen der Volksabstimmungen zwar heute als Voraussetzungen für eine selbst in dunkelsten Jahren wie der Besetzung Dänemarks durch deutsche Truppen stabile und gerechte Grenzziehung gefeiert werden. Dennoch lieferte das Verfahren viele Gesichtspunkte, die die strikte Ablehnung der Grenze quer durch eine zuvor jahrhundertelang zusammengehörige Region in der deutschen Bevölkerung bestimmten.

Denkmalsturz

Die weiteren Beiträge im HAG-Heft von Ernst August Hansen, Claus Pørksen, Volker Heesch und Lorenz Peter Wree gehen auf Geschehnisse im Fahrwasser der Volksabstimmungen und der Grenzziehung 1920 ein, die in den vielen Darstellungen zum Grenzjubiläum eher weniger Beachtung gefunden haben – oder in Vergessenheit geraten sind. Ernst August Hansen beleuchtet das Ende eines 1886 eingeweihten Gedenksteins für im Ersten Schleswigschen Krieg 1848 bis 1951 gefallene „Schleswig-Holsteinische Krieger“, wie es in einer im Beitrag abgedruckten Einladung hieß.

Das 1886 in Hadersleben errichtete deutsche Kriegerdenkmal wurde 1922 zertrümmert und in der Haderslebener Förde versenkt. Foto: HAG

Der Gedenkstein wurde groß gefeiert, „zur Freude der einen, zur Irritation der anderen“, schreibt Hansen über das Denkmal, das bis 1922 in der Anlage am Nordermarkt, so der Name des ab 1920 Nørretorv und heute Gammelting genannten Platzes, stand. Die Irritation über den deutschen Obelisken unter dänischen Haderslebenern war so groß, dass gegen den Protest der deutschen Vertreter im Kommunalparlament der Gedenkstein zunächst entfernt und kurze Zeit später in einer Nacht-und-Nebel-Aktion zunächst zertrümmert und anschließend in der Haderslebener Förde versenkt worden ist. Was die deutschen Haderslebener aufbrachte, hatte für die Täter der illegalen Aktion keine Konsequenzen. Hansen berichtet, dass der seinerzeit in ganz Dänemark bekannt gewordene Denkmalsturz die Ursache dafür ist, dass es in Hadersleben im Gegensatz zu den übrigen Städten Nordschleswigs keine gemeinsame Gedenkstätte für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs gibt, sondern eine deutsche und eine dänische.

Einführung der Krone

Claus Pørksen berichtet in seinem Beitrag über die Einführung der dänischen Krone in Nordschleswig am 20. Mai 1920, also mehrere Wochen vor dem staatsrechtlichen Übergang Nordschleswigs an Dänemark am 15. Juni 1920, wie es nach der klaren Mehrheit für Dänemark in der Abstimmungszone 1 zu erwarten war. Pørksen erläutert, dass bereits seit Frühjahr 1919 die dänische Krone im nördlichen Schleswig als inoffizielle Währung kursierte, vor allem bei Immobiliengeschäften. Im Zuge der Einführung der Kronenwährung, von deutscher Seite gab es Proteste, wurden unter Bewachung von Kommissionsgendarmen 3,5 Millionen Kronen aus dem Königreich in das noch staatsrechtlich zu Deutschland gehörende Gebiet transportiert. „Ein Ansturm der Bevölkerung auf die Banken blieb aus. Ganz im Gegenteil verhielt sich die Bevölkerung erstaunlich passiv“, berichtet Pørksen und fügt hinzu, dass deutsche Mark und Krone noch jahrelang nebeneinander in Nordschleswig verwendet wurden. Es wird in dem sehr lesenswerten Beitrag über Gewinner und Verlierer des Währungswechsels berichtet.

Wehmut in Tondern und Hoyer

Im Beitrag von Volker Heesch geht es um Auswirkungen des Wechsels Nordschleswigs aus deutscher in dänische Oberhoheit. Es wird über Aufgeregtheiten vor allem in Tondern berichtet, der Stadt, die mit großer Mehrheit für einen Verbleib bei Deutschland gestimmt hatte, aber als Teil der Abstimmungszone 1 dänisch wurde. Es wird verdeutlicht, wie sich im Alltag die neue Grenze als Hindernis für die Menschen auswirkte, weil eine Passage nur noch mit Pass gestattet war. Auch wird anhand von Zeitungsnotizen aus dem Jahr 1920 vermittelt, dass viele deutsch gesinnte Nordschleswiger 1920 ihre Heimat verlassen haben, weil sie als Lehrkräfte, Eisenbahner oder Beamte deutscher Behörden keine Beschäftigung in dänischen Nachfolgeeinrichtungen finden konnten oder dies nicht wollten.

Der Abzug der deutschen Lokomotiven aus Tondern am 16. Juni 1920 wurde von einem Pfeifkonzert der Maschinen begleitet. Foto: Dansk Jernbane Museum

Dass Wehmut und Trauer bei vielen deutschen Nordschleswigern im Jahre 1920 herrschte, vermitteln Artikel über den Abzug deutscher Lokomotiven aus Tondern im Juni 1920 unter einem großen Pfeifkonzert.

Ende gemeinsamer Geschichte

Unter dem Titel „Das Ende einer gemeinsamen Geschichte. Die Flensburger Förde wird Grenzgebiet“, zeigt Lorenz Peter Wree in seinem Beitrag, dass die im dänischen Empfinden als „Wiedervereinigung“ betrachtete Eingliederung Nordschleswigs nach Dänemark gerade im Gebiet der Flensburger Förde ab 1920 eine Trennung eines Gebietes mit reicher gemeinsamer Geschichte nach sich zog. Unkundige betrachteten die Flensburger Förde heute oft als eine natürliche Grenze, dabei ist sie es nie gewesen, so Wree, und stellt den jahrhundertelangen lebhaften Verkehr über die Förde als willkommenen Verkehrsweg vor. Der Beitrag stellt die traditionellen Fährverbindungen wie die zwischen Brunsnis und Holnis vor. Dabei weist der Autor anhand von Familiengeschichten nach, dass es stets familiäre Bande zwischen den beiden Ufern der Förde gegeben hat, die z. B. im Herzogtum Schleswig-Holstein Sonderburg des Herzogs Johann des Jüngeren (1545-1622) Sonderburg und Glücksburg in einem Staatsgebilde vertreten waren.

Cognac-Felder

Sehr interessante Informationen liefert Wree über den Grenzübergang Schusterkate und den besonderen Grenzverlauf bei Krusau. Dabei spielte 1920 der damalige Besitzer des Krusauhofs, Matthias Hübsch, eine entscheidende Rolle. Er bewegte Charles Marling, den Präsidenten der Internationalen Kommission (CIS), die von Januar bis Juni 1920 in beiden Abstimmungszonen in Schleswig regierte, im Zuge eines Festessens zu einer Grenzkorrektur zugunsten Dänemarks. Nachträglich an Dänemark übertragene Ländereien waren als „Cognac-Felder“ bei den Einheimischen bekannt.

Neben den Beiträgen enthält das Heimatkundeheft Jahresberichte u. a. des Archivs/Historische Forschungsstelle der deutschen Minderheit, des Deutschen Museums Nordschleswig und Buchrezensionen.

Das Buch kann bei der Heimatkundlichen AG, Rønhaveplads 12, 6400 Sønderborg, oder per Internet unter lubowitz.archiv@bdn.dk bestellt werden. Auch über die deutschen Büchereien ist ein Bezug möglich.

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