100 Jahre Grenzziehung

Theaterstück „Amphibien“ feiert Premiere in Kiel

Theaterstück „Amphibien“ feiert Premiere in Kiel

Theaterstück „Amphibien“ feiert Premiere in Kiel

Katja Elsberger
Kiel
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Amphibien leben in zwei Elementen: im Wasser und an Land. Im Theaterstück stehen die Lebewesen für die deutsch-dänische Identät. Foto: Katja Elsberger

Die Theater-AG des Deutschen Gymnasiums für Nordschleswig hat ihr Theaterstück „Amphibien – ein szenisches Abstimmungs-Schauspiel“ im Schleswig-Holsteinischen Landtag in Kiel uraufgeführt. Beim Theaterprojekt in Kooperation mit der Europa-Universität-Flensburg hat sich das Ensemble intensiv mit der Identität im deutsch-dänischen Grenzland befasst.

Amphibien sind Lebewesen, die sich sowohl im Wasser als auch an Land bewegen können: Im Theaterstück „Amphibien – ein szenisches Abstimmungs-Schauspiel“ stehen die Tiere metaphorisch für die Menschen im Grenzland, die sich vor 100 Jahren entscheiden mussten, ob sie deutsch oder dänisch sein wollten. Eine schwierige Situation für die Einwohner, die sich in innerlicher Zerrissenheit offenbarte.

Kooperation mit der EUF

In Zusammenarbeit mit Studierenden und Lehrenden der Europa-Universität-Flensburg hat die Theater-AG des Deutschen Gymnasiums für Nordschleswig unter der Leitung von Lehrer Jürgen Schultze das Theaterstück „Amphibien – ein szenisches Abstimmungs-Schauspiel“ erarbeitet, welches sich mit dem Krieg in der Grenzregion und der Schleswig-Holsteinischen Frage auseinandersetzt. Die Premiere des Theaterstücks hat das Ensemble am Donnerstag im Schleswig-Holsteinischen Landtag in Kiel gefeiert.

Johanne (Geertje Garen) verdrängt ihre Erlebnisse und weicht Gesprächen aus. Foto: Katja Elsberger

Amphibien-Metapher als Kernelement

Kernelement des Abstimmungs-Schauspiels ist die Amphibien-Metapher, die auf dem literarischen Werk „Riß durchs Festland“ von Uwe Pörksen basiert, in welchem der Autor die Situation der Menschen im Grenzland beschreibt. „Es ist eine Darstellung der Zerrissenheit, die durch die Gesellschaft, die Dörfer und Familien ging", sagt Klaus Schlie, Landtagspräsident in Schleswig-Holstein.

„Die Metapher baut auf der Idee auf, dass Amphibien vom Wasser aufs Land wechseln – wie es ihnen gerade passt – wie eben auch der Wechsel der Nationalitäten und Sprachen Dänisch und Deutsch“, erklärt Jürgen Schultze, Leiter der Theater-AG. Er und Schülerin Stella Sina haben das Theaterstück gemeinsam geschrieben. „Ich finde es wichtig, dass wir diese Geschichte erzählen – wäre die Geschichte nicht so gewesen, wie sie war, wären wir heute nicht so, wie wir sind", ist sich Stella Sina sicher.

Ich finde es wichtig, dass wir diese Geschichte erzählen – wäre die Geschichte nicht so gewesen, wie sie war, wären wir heute nicht so, wie wir sind.

Stella Sina
Schwere Verletzungen enden im Lazarett oftmals mit einer Amputation: Die Schauspieler stellen zur Schau, wie diese ablaufen würde. Foto: Katja Elsberger

Früher und heute: Die Frage nach der Identität im Grenzland

„Das Theaterstück handelt von blitzlichtartigen deutsch-dänischen Begegnungen“, erklärt Schultze. Die Schauspieler stellen jeweils zwei Charaktere dar: Das Vergangenheits-Ich erlebt die Zeit des Ersten Schleswig-Holsteinischen Krieges, des Deutsch-Dänischen Kriegs 1846 sowie das Abstimmungsereignis: Erzählt werden Geschichten aus den Gräben und aus dem Kriegslazarett. So erlebt beispielsweise Anna-Kathrine, gespielt von Stella Sina, wie ihr Mann traumatisiert aus dem Krieg zurückkehrt und sie ihn kaum wiedererkennt.

Darüber hinaus gibt es jeweils ein „modernes“ Pendant der Charaktere, teleportiert aus der Vergangenheit, welches im Jahr 2020 lebt. Die moderne Perspektive zeigt auf, womit sich die Jugendlichen der Minderheit heute, 100 Jahre nach den Ereignissen, auseinandersetzen: So wird bei einer Diskussion, ob man nun Deutsch oder Dänisch sei, kurzerhand die Option „weiß nicht“ erschaffen.

Am Ende des Stücks machen die Schauspieler klar: „Ich bin deutsch – ich bin dänisch – ich bin Mensch.“

Ich bin deutsch – ich bin dänisch – ich bin Mensch.

Theater-AG des DGN
In der Wohngemeinschaft geht es nicht immer friedlich zu. Foto: Katja Elsberger

„Enorme Leistung aller Akteure“

Vorab dankte der Landtagspräsident von Schleswig-Holstein, Klaus Schlie, den Schülern des DGN, dem Leiter der Theater-AG Jürgen Schultze sowie den Studierenden und Lehrenden der Europa-Universität Flensburg für ihr „außerordentliches Engagement“. Es sei eine „enorme Leistung aller Akteure“. „Sie haben es geschafft, an vielen Wochenenden zu proben und zu diskutieren. Sie haben viel gelernt, was für das Leben wichtig ist. Wir freuen uns, dass wir das hier gemeinsam so ausführen können.“ Schlie selbst hat zur Inszenierung des Theaterstücks angeregt, das durch den Landtag finanziell gefördert wurde.

„Diese einzigartige, fulminante, großartige, professionelle Darstellung zeigt sehr eindrücklich: Es darf nur ein geeintes, zukunftsgerichtetes, ohne Nationalismus auskommendes Europa geben. Und dazu ist dieses Stück ein sensationeller Beitrag“, ist sich Schlie nach der Uraufführung sich. „Die Gesinnung im Grenzland ist kein Entweder-oder sondern ein Sowohl-als-auch.“

Pörksen, der aus Freiburg angereist ist, zeigt sich ebenso beeindruckt: „Ich finde es großartig, was ihr aus dem Büchlein gemacht habt.“

Klaus Schlie, Landtagspräsident in Schleswig-Holstein, nennt das Theaterstück eine „enorme Leistung aller Akteure“. Foto: Katja Elsberger
Anna-Kathrine (Stella Sina) und Jacob (Niclas Bauer): Die kriegerischen Auseinandersetzungen bereiten große Sorge. Foto: Katja Elsberger

Jürgensen: „Ein fantastisches Projekt“

Dieser Meinung ist auch Hinrich Jürgensen, Hauptvorstand des Bundes Deutscher Nordschleswiger: „Das Theaterstück ist ein fantastisches Projekt – ich habe schon in einer Probe reingeguckt. Schon damals konnte man erkennen, welches Potenzial dahintersteckt. Die Idee mit den Amphibien finde ich hervorragend. Das Stück zeigt die Zerrissenheit der Menschen, die keine nationale Zugehörigkeit empfunden haben und mit beiden Identitäten lebten. Daraus ist etwas Gutes geworden – mit der deutschen Minderheit in Dänemark sowie der dänischen Minderheit in Deutschland, die in der Mehrheitsgesellschaft akzeptiert sind und ihre kulturelle Identität bewahrt haben. Wenn wir das auf der ganzen Welt hätten, wäre Frieden überall.“

Die Kooperation von Gymnasium und EUF könnte ein Vorreiter sein für weitere grenzüberschreitende Projekte, meint Jürgensen. „Die Leute von der EUF kommen vielleicht in Zukunft zum Beispiel für ein Praktikum nach Dänemark.“ Das Theaterstück sei eine gute PR für die Schulen in Nordschleswig: „Man merkt einen gewissen Stolz, dass unser Gymnasium das auf die Beine gebracht hat.“

Was bedrückt Frieda (Beate Andersen)? Maren (Anna-Sophia Lorenzen) redet auf sie ein. Foto: Katja Elsberger

Weitere Vorstellungen

„Amphibien ­– ein deutsch-dänisches Abstimmungs-Schauspiel" wird in weiteren Orten in Deutschland und Dänemark aufgeführt. Am 20. Februar spielt die Theater-AG in Eckernförde in der St.-Nicolai- Kirche, am 27. Februar in Schleswig in der A.P. Møller Skolen, am 5. März in der Auguste-Viktoria-Schule in Flensburg. Am 12. März tritt die Gruppe im Deutschen Gymnasium Nordschleswig auf. Die Aufführungen beginnen jeweils um 19 Uhr, der Eintritt ist frei. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

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Leitartikel

Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
„Mutiges Museum“