Corona-Krise

Ein Jahr voller Absagen

Ein Jahr voller Absagen

Ein Jahr voller Absagen

Hadersleben/Haderslev
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Einer der wenigen Auftritte, der in diesem Jahr für Johanna Løhde Nielsen möglich war: „Konzert & Quiz online & live vom Knivsberg“ Foto: Karin Riggelsen

Für Sängerin Johanna Løhde Nielsen ist 2020 geprägt von Absagen, Frustration und Existenzangst. Eine ganze Branche ist in Vergessenheit geraten, findet die Haderslebenerin.

Nach der jüngsten Pressekonferenz, bei der das Versammlungsverbot bis zum 28. Februar verlängert wurde, hat das Telefon von Sängerin Johanna Løhde Nielsen ununterbrochen geklingelt. Termine müssen verschoben und Auftritte abgesagt werden.

Fehlende Einnahmen

„Erst haben wir alles bis zum Sommer verschoben, dann in den Herbst und jetzt auf nächstes Jahr“, berichtet die ausgebildete Sängerin, Songschreiberin und Chorleiterin. „Mein Kalender für 2020 war voll. 80 Prozent meiner Termine haben nicht stattgefunden. Dadurch fehlt mir jetzt das Einkommen.“

Jeder muss sich in der Corona-Krise einschränken. Für keinen ist es leicht.

Johanna Løhde Nielsen, Sängerin

Johanna Løhde Nielsen muss sich Alternativen überlegen, wie sie trotzdem weiterhin Geld verdienen kann. Sie erzählt von Institutionen, die sie trotz abgesagter Auftritte bezahlt haben, aber auch von vielen, die dies nicht getan haben. Ihr ist bewusst, dass viele Branchen unter der Pandemie leiden. „Jeder muss sich in der Corona-Krise einschränken. Für keinen ist es leicht.“

Suche nach Alternativen

Von der Regierung fühlt sie sich im Stich gelassen. „Ich habe mich drei Wochen lang mit dem Beantragen von staatlichen Hilfsmitteln auseinandergesetzt. Das ist ein sehr kompliziertes System. Am Ende habe ich nichts bekommen und musste mir selbst etwas überlegen.“

Die Sängerin sucht nach Lösungen, wie sie alle Corona-Maßnahmen einhält und trotzdem ihrem Beruf nachgehen kann. „Ich arbeite mehr als je zuvor und verdiene so wenig wie noch nie.“ Die Ungewissheit zerrt an ihren Nerven. „In unserer Branche sind wir darauf angewiesen, ein bis anderthalb Jahre im Voraus zu planen. Doch plötzlich plant niemand mehr.“

Es ist nicht schade, wenn das Weihnachtskonzert abgesagt wird, es ist eine Katastrophe.

Johanna Løhde Nielsen, Sängerin

Die Chorleiterin berichtet von sinkenden Mitgliederzahlen in Chören aufgrund der anhaltenden Kontaktbeschränkungen. Die Sängerin wünscht sich außerdem, dass mehr Verständnis für freischaffende Künstler aufgebracht wird. „Es ist nicht schade, wenn das Weihnachtskonzert abgesagt wird, es ist eine Katastrophe. Für viele Künstler ist die Weihnachtszeit ihre primäre Einnahmequelle, und sie können nichts gegen die Absagen tun.“

Belastende Situation

Für die 30-Jährige ist die Situation sehr belastend. „Ich kann meinen Beruf so gut machen, wie ich will. Es liegt nicht in meiner Hand, wie es weitergeht. Viele sehen Kultur und Musik als Bonus an, auf den sie zwischenzeitlich auch verzichten können. Aber es ist nicht nur ein Konzert, es ist meine Arbeit, die ich gelernt, studiert und für die ich 15 Jahre lang geübt habe, die ich nun nicht mehr ausführen darf.“

Unsere Branche wird nicht mit demselben Respekt behandelt wie andere.

Johanna Løhde Nielsen, Sängerin

Johanna Løhde Nielsen fühlt sich von der Regierung und der Gesellschaft übersehen. „Unsere Branche wird nicht mit demselben Respekt behandelt wie andere. Zu einem Revisor sagt man ja auch nicht, dass er sich einen anderen Job suchen soll.“ Sie unterstreicht, dass es sich nicht um eine kurze Krise handelt, sondern dass es ein ganzes Jahr ist, in dem sie nicht ihrer Passion nachgehen kann, wie sie es normalerweise tut.

Ihrer Meinung nach akzeptiert die Politik, dass es 20 bis 30 Prozent der Branche nicht durch die Krise schaffen werden. Sie selbst ist in der glücklichen Lage, dass sie nicht nur freischaffende Künstlerin ist, sondern auch eine halbe Stelle an der Musikschule Hadersleben hat.

Möglichkeiten zu helfen

Die Sängerin wünscht sich, dass mehr Verständnis für Künstler aufgebracht wird. „Es gibt verschiedene Möglichkeiten, uns zu helfen, wie zum Beispiel Konzerttickets zu behalten und nicht das Geld zurückzuverlangen oder Onlineangebote zu nutzen. Wenn gebuchte Auftritte trotzdem bezahlt werden, hilft uns das oder wenn Menschen unsere CDs kaufen.“

Und es wäre schön, wenn es nach der Krise noch Kultur gibt.

Johanna Løhde Nielsen, Sängerin

Johanna Løhde Nielsen ist der Meinung, dass die Krise zeigt, „wie sehr wir Kultur brauchen. Und es wäre schön, wenn es nach der Krise noch Kultur gibt. Ich bezahle ja auch weiterhin die Mitgliedschaft im Sportverein für meinen Sohn oder bestelle Essen bei meinem Lieblingsitaliener.“

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