Transplantation

Keine deutsch-dänische Kooperation bei Organspenden

Keine deutsch-dänische Kooperation bei Organspenden

Keine deutsch-dänische Kooperation bei Organspenden

Laure Saint-Alme
Apenrade/Aabenraa
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Ein dänischer Organspendeausweis Foto: Christian Lindgren / Ritzau Scanpix

In Dänemark sterben wieder mehr Menschen, die auf Spenderorgane warten. Doch auf Organe aus Deutschland brauchen Patienten nicht hoffen. Politiker beiderseits der Grenze bedauern das.

Seit 2011 haben nicht mehr so viele Menschen in Dänemark, die auf eine Transplantation warteten, ihr Leben verloren. Das zeigen die jüngsten Zahlen des dänischen Zentrums für Organspende.

2018 starben 40 Menschen in Erwartung eines Spenderorgans, das heißt acht mehr als im Vorjahr.

Auf der Warteliste für ein Spenderorgan stehen heute 451 Menschen, von denen 75 Prozent eine Niere brauchen.

Trotz des Mangels an Organspendern können die Deutschen ihren dänischen Nachbarn nicht helfen.

Warum könnte ein Deutscher einem Dänen kein Organ geben?

Weshalb das so ist, erklärt Lasse Heidelbach – Direktor und Gründer des Patientenvereins „ja tak!“ dem „Nordschleswiger“: „Dänemark kooperiert nicht mit Deutschland. Dank der Organisation ,Scandiatransplant‘ ist der Austausch mit Finnland, Norwegen, Schweden, Island und Estland aber möglich.“

Jedes Jahr ermöglicht diese internationale Organisation die Transplantation bei ungefähr 2.000 Patienten in Nordeuropa, heißt es auf der Webseite der Organisation.

Im Gegenteil zu Dänemark gehört Deutschland zu Eurotransplant, eine Stiftung, in der sieben andere europäische Länder kooperieren. Obwohl Dänemark und Deutschland eine gemeinsame Grenze haben, arbeiten sie also in zwei verschiedenen Organisationen.

Nur in Ausnahmefällen Austausch mit Deutschland

Über die Situation an der Grenze sagt Helle Haubro Andersen, die das Zentrum für Organspenden leitet: „Nur wenn es keinen passenden Empfänger in Skandinavien gibt, wird das Organ in andere europäische Länder geschickt.“ Deshalb werde es „sehr selten vorkommen, dass Organe über die dänisch-deutsche Grenze ausgetauscht werden.“

Wir haben nach der Meinung der Schleswigschen Partei gefragt. Für ihren Vorsitzenden Carsten Leth Schmidt sollte man „auf jeden Fall an der Grenze das Thema in Angriff nehmen. Das ist zu schade, zu einem lebensbedrohlichen Thema nichts zu machen!“. Und er fügt hinzu: „Wenn diese Frage in den Medien ein Thema wird, werden wir darauf einen Fokus lenken.“

Auf der anderen Seite der Grenze sagt der Pressesprecher des Südschleswigschen Wählerverbands (SSW) dem „Nordschleswiger“: „Dass es keine Zusammenarbeit bei der Organspende mit Dänemark gibt, ist nicht optimal. In Deutschland gibt es da ein großes Problem, wir haben zu wenige Organspender.“

Carsten Leth Schmidt
Carsten Leth Schmidt (Archivbild) Foto: Karin Riggelsen

Ein Mangel an dänischen Organspendern

Laut einer Untersuchung der Gesundheitsbehörde haben schon 1,1 Million Dänen die Entscheidung getroffen, Organspender zu werden. Darüber hinaus kann jeder mindestens 15-Jährige sich seit dem 1. Juli in Dänemark als Organspender registrieren.

Für Lasse Heidelbachs Patientenverein reicht dieser Fortschritt aber nicht aus: die Bemühungen sollen verstärkt werden, denn ein Drittel der Bevölkerung hat diese Entscheidung noch nicht zum Ausdruck gebracht.

Laut dem dänischen Zentrum für Organspende sind viele Dänen bereit, sowohl ihre Nieren als auch ihre Herzen, Lungen oder Lebern zu geben. „Es gibt wirklich viele Leute, die gerne Organspender sein wollen, aber sie haben das einfach nicht mitgeteilt“, bestätigt Kirsten Normann Andersen, gesundheitspolitische Sprecherin der Sozialistischen Volkspartei (SF).

„Es geht nicht darum, wie viele gerne ihre Organe spenden oder nicht spenden“, sagt Jan Rishave, Vorsitzende des Nierenvereins, zur Nachrichtenagentur Ritzau. „Es handelt sich einfach darum, dass das Gesundheitswesen und das System darin besser werden sollen, zu erkennen, wo es Organe gibt, die verwendet werden können. Das muss genau unsere Priorität werden.“

Die kleine Esther hat im Reichshospital in Kopenhagen eine Leber transplantiert bekommen (Archivbild). Foto: Nils Meilvang / Ritzau Scanpix

Eine Frage von Mentalität

Dafür, dass sich nicht genügend Menschen registrieren, seien Vorurteile mitverantwortlich, meint Helle Haubro Andersen – Leiterin des Zentrums für Organspenden: „Es gibt zum Beispiel ein Missverständnis darüber, dass man nicht Organspender sein kann, wenn man fortgeschrittenen Alters ist.“

Die Realität beweist das Gegenteil: „Vergangenes Jahr war ein Viertel der verstorbenen Spender, die gute Organe gaben, über 70 und der älteste war 85“, präzisiert sie.

Kirsten Normann Andersen von SF denkt, dass ein Mentalitätswandel auch bei der Jugend notwendig ist: „Ein Modell für die Zukunft könnte sein, dass man zu einem Zeitpunkt in seinem Leben – zum Beispiel zu seinem 18. Geburtstag – gezwungen wird, zur Organspende Stellung zu nehmen“.

Automatische Organspende wieder auf dem Tisch

In 23 europäischen Ländern wurde die automatische Organspende schon eingeführt. Das wäre die Lösung für die dänische Partei Radikale Venstre. Peder Hvelpund aus der rot-grünen Einheitsliste ist allerdings skeptisch. Ob wir Organspender werden oder nicht, soll ihm zufolge nicht von der Entscheidung des Staates abhängen, sondern von einer individuellen Entscheidung.

Und genau dieses „Missverständnis“ will Lasse Heidelbach – Direktor und Gründer von Patientenverein „ja tak!“ – versuchen, zu vermeiden, sagt er zu TV2: „Man wird immer die Möglichkeit haben, abzulehnen und die Meinung der Familie wird auch immer gefragt.“

Eine Studie, die auf über 13-Jährigen aus 48 Ländern basiert, hat 2014 gezeigt, dass die automatische Organspende zu einer Zunahme der Organzahl führte. Heidelbach wünscht sich, dass Dänemark die anderen Länder imitiert.

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