Leitartikel

„Es bleibt sitzen“

Es bleibt sitzen

Es bleibt sitzen

Nordschleswig/Flensburg
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Wer erlebt hat, als Nazi beschimpft zu werden, trägt es ein Leben lang mit sich herum. Chefredakteur Gwyn Nissen weiß das aus Erfahrung.

Wenn ich als Vortragshalter unterwegs bin, um über die Entwicklung in der deutschen Minderheit zu berichten, erzähle ich immer die Geschichte darüber, wie meinem Vater (Jahrgang 1933) bewusst war, dass er in der Nachkriegszeit auf der Straße von dänischen Jungen als Deutscher oder als Nazi ausgeschimpft werden würde. Darauffolgende Generationen taten sich mit ähnlichen Pöbeleien in den 70er und 80er Jahren schwer, denn der Zweite Weltkrieg war inzwischen in weite Ferne gerückt. Viele kehrten in der Zeit daher der Minderheit den Rücken, um sich von der Last der deutschen Geschichte zu befreien. In den 90er Jahren kam es eher vereinzelt zu Beschimpfungen bei Handballspielen, und heute, so berichte ich oft, werden wir als Deutsche nicht mehr angepöbelt, sondern respektvoll behandelt.

Dachte ich zumindest lange Zeit, bis Schüler und Schülerinnen des Deutschen Gymnasiums für Nordschleswig in Apenrade mir erzählten, dass sie erlebt haben, im Bus oder in der Disco von anderen Jugendlichen beschimpft zu werden, wenn sie Deutsch reden.

Diese Woche konnten wir Flensborg Avis dafür zitieren, dass eine Jugendmannschaft der dänischen Minderheit bei einem Fußballspiel in Tondern arg beschimpft wurde. Übrigens nicht das erste Mal, denn auch in Lügumkloster und in Sonderburg sei die Mannschaft von HKUF Harreslev angepöbelt und als „Deutsche“ beschimpft worden – darunter auch mit „Sieg Heil“ und „Nazi“-Zurufen. In Tondern wurde außerdem die Heckscheibe eines Flensburger Autos eingeschlagen – dabei hatte der Wagen sogar einen dänischen Dannebrog-Aufkleber.

Wer Nazi-Zurufe und -Beschimpfungen erlebt, trägt das ein Leben lang mit sich. Es bleibt sitzen – das weiß ich aus eigener Erfahrung, und vielen in der Minderheit geht es ebenso.

Man kann einiges mit Emotionen im Sport und Trunkenheit im Nachtleben erklären – aber nicht entschuldigen. Denn man muss sich schon fragen, woher diese Feindseligkeit stammt. Und das in einem Jahr, in dem das Grenzland gefeiert wird: 100 Jahre Genforeningen und jahrzehntelange friedliche Co-Existenz zwischen Mehrheiten und Minderheiten sowie das deutsch-dänische Freundschaftsjahr.

Ist es der aufkeimende Nationalismus in Dänemark und die Antipathie gegen Flüchtlinge und alles was fremd ist? Ist es der Ton in der Politik, in der Gesellschaft und in den sozialen Plattformen, der solche Eskapaden und Beschimpfungen legalisiert? Gibt es vielleicht doch noch den kleinen, unterschwelligen Deutschen-Hass? Das können nur die Dänen selbst beantworten.

Als Erwachsene wissen wir uns oft zu verteidigen. Kinder und Jugendliche haben es dagegen schwer und man fragt sich, ob es in Tondern, Lügumkloster und Sonderburg nicht Erwachsene gab, die hätten einschreiten müssen? Denn auch das können wir 2020 verlangen: Dass wir uns in solchen Situationen nicht nur selbst verteidigen müssen, sondern dass uns die Mehrheitsbevölkerung beiseite steht und solche Handlungen aktiv unterbindet.

Viele Sportarten leisten heute bereits einen Einsatz gegen Homophobie und Rassismus im Sport. Auf Nazi-Sprüche und -Beschimpfungen gibt es unmittelbar nur eine Antwort: Quarantäne für Zuschauer und Spieler, die sich nicht benehmen können. Doch eigentlich muss das Problem schon im Keim erstickt werden. Dazu gehört allerdings erst einmal die Erkenntnis, dass man vielleicht ein Problem hat.

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