Sexuelle Minderheiten

LGBT-Sichtbarkeit: „Keine Frage von Nationalität“

LGBT-Sichtbarkeit: „Keine Frage von Nationalität“

LGBT-Sichtbarkeit: „Keine Frage von Nationalität“

Laure Saint-Alme
Apenrade/Aabenraa
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In den kleinen Städten träumt die dänische LGBT-Jugend von der Hauptstadt. Foto: Martin Sylvest/Ritzau Scanpix

Zwei junge LGBT-Apenrader (Akronym für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender) sprechen mit dem „Nordschleswiger“ einige Tage nach der „Copenhagen Pride Week“ über ihre Enttäuschungen und Hoffnungen.

Kürzlich fand die „Copenhagen Pride Week“ statt, ein internationaler Treffpunkt für die LGBT-Gemeinschaft der ganzen Welt. Doch nicht nur in der Hauptstadt Dänemarks sind die LGBT-Verbände aktiv – auch in Nordschleswig bildet sich dazu eine junge Bewegung.

„Der Nordschleswiger“ hat unter anderem Jonas Haase interviewt, einen 19-jährigen Stadtverordneten aus Apenrade/Aabenraa. Wie andere Tausende von Pro-LGBT-Menschen demonstrierte er die vergangene Woche in den Straßen der Hauptstadt.

„In der ,Pride‘-Woche haben wir die Möglichkeit gehabt, eine Bilanz zu ziehen“, sagt er. „Es gibt für die LGBT-Gemeinschaft noch viel zu tun.“

Einsamkeit

„Im Vergleich zu Kopenhagen ist es in einer kleinen Stadt viel schwieriger für die LGBT-Menschen, jemanden zu finden, mit dem sie sich identifizieren können oder den sie sich als Vorbild nehmen können.“

„LGBT-Personen wie ich suchen nach Vorbildern, die man auf jeden Fall nicht in Apenrade finden wird. Wir fühlen uns allein.“

Obwohl in der Provinz unsichtbar, definieren sich 5,9 Prozent der Menschen im europäischen Durchschnitt als LGBT, heißt es in einer 2016 veröffentlichten europaweiten Umfrage des Berliner Meinungsforschungsinstituts „Dalia Research“.

Fast 9 Prozent der Studienteilnehmer sehen sich darüber hinaus nicht als ausschließlich heterosexuell.

Bei den Deutschen gaben 7,4 Prozent der Befragten an, zur LGBT-Gemeinschaft zu gehören. Auf europäischer Ebene ist Deutschland das Land, wo die sogenannten „queer“-Menschen den größten Bevölkerungsanteil repräsentieren.

Was heißt „queer“?

Anglizismus, der seit 2017 im Duden steht: (von einer Person) in der Geschlechtsidentität von einer gesellschaftlich verbreiteten heterosexuellen Norm abweichend

Für das Wort „queer“ wird manchmal ein Q am Ende des Akronyms „LGBT“ hinzugefügt: LGBTQ.

„In Dänemark und Deutschland fühlen sich LGBT-Personen ähnlich. Beide Länder sind sehr progressiv.“

Jonas Haase betont: „Das ist keine Frage von Nationalität, das ist eine Frage von Demografie. In kleinen Städten ist die Situation sehr schwierig für alle LGBT-Menschen.“

Und in der deutschen Minderheit?

„Der Nordschleswiger“ sprach auch mit Leonie Krauskopf. Die 19-Jährige besuchte das Deutsche Gymnasium für Nordschleswig (DGN) in Apenrade/Aabenraa.

„Ich gehöre auf jedem Fall zur LGBT-Gemeinschaft“, sagt sie im Interview.

„Ich habe am Gymnasium nicht viel von meiner sexuellen Orientierung gesprochen. Nicht weil ich nicht mich outen wollte, aber ich sah keinen Grund, warum ich es sollte.“

Am DGN sei das Thema kein Tabu: „Im Unterricht und unter Schülern haben wir manchmal davon gesprochen, und ich habe glücklicherweise viele positive Reaktionen erhalten.“

Die Hand reichen

Jungpolitiker Haase hat den Bedarf einer starken LGBT-Gemeinschaft erkannt. Aus diesem Grund beteiligt er sich seit ein paar Jahren in seiner Heimatstadt an der Organisation von LGBT-Events.

„Es ist mir aufgefallen, dass ‘LGBT Danmarks‘-Aktionen in den Großstädten sehr zentralisiert waren. Die Organisation hat mich erreicht, und die Gemeinschaft ,Aura‘ wurde geboren“, sagt er dem „Nordschleswiger“.

Was ist ,Aura‘?

,Aura‘ ist ein Sozialverein der dänischen Organisation LGBT-ungdom (LGBT-Jugend). Der Verein hilft auf lokaler Ebene den LGBT-Menschen unter 25 Jahren, zu ihren Identitätsfragen Antworten zu finden. In Kopenhagen, Svendborg, Odense, Apenrade, Esbjerg, Viborg, Aalborg, Vejle und Bornholm kann der Verein genutzt werden.

Der Dialog mit den betroffenen Eltern kann schwierig sein. Foto: Bax Lindhardt/Ritzau Scanpix

Bowling oder Paintball-Abende stehen selten auf dem ,Auras‘ Programm: „Am meisten organisieren wir bodenständige Events“, so Haase.

„Die LGBT-Jugendlichen haben Angst, sich zu outen. Sie wissen nicht, was sie ihren Eltern sagen sollen, wie sie das sagen sollen.“

Krauskopf von der deutschen Minderheit hat festgestellt, dass Eltern von LGBT-Jugendlichen konservativ sein können, aber es im Allgemeinen weniger sind als deren Eltern: „Wir können fast nie mit den Großeltern darüber sprechen“, sagt sie dem „Nordschleswiger“.

Im Fall, dass niemand ihnen hilft, sei die Wahrscheinlichkeit, einen Selbstmord zu begehen, bei den LGBT-Menschen höher als bei anderen, glaubt Haase.

„Was wäre, wenn ich diesen Bedarf nicht gesehen hätte?“, fragt er sich.

Was Haase und Krauskopf vermissen, ist, mehr Möglichkeiten, um LGBT-Menschen im gleichen Alter zu treffen und Gaybars zu erkunden.

Wie viele andere jungen „queer“-Menschen werden die beiden Apenrader dem Ruf der Großstädte nicht lang widerstehen, räumen sie dem „Nordschleswiger“ ein.

Jedes Jahr findet die „Copenhagen Pride Week" in den Straßen der Hauptstadt statt. Foto: Martin Sylvest/Ritzau Scanpix
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