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Erinnerungen und Chronik jüngerer Grenzlandgeschichte

Erinnerungen und Chronik jüngerer Grenzlandgeschichte

Erinnerungen und Chronik jüngerer Grenzlandgeschichte

Apenrade/Aabenraa
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Generalkonsul Henrik Becker-Christensen (m.) zusammen mit seiner Frau Grethe Bay am 24. August 2017 beim Abschiedempfang in Flensburg mit Ministerpräsident Daniel Günther (CDU). Foto: Volker Heesch

Generalkonsul a. D. Henrik Becker-Christensen präsentiert mit seinem Werk „Diplomat i Grænselandet“ einen beeindruckenden Streifzug durch das Leben eines Historikers und dessen Wirken im deutsch-dänischen Entspannungsprozess. Ein Kapitel im Buch ist der deutschen Minderheit gewidmet.

Der frühere dänische Generalkonsul in Flensburg, Henrik Becker-Christensen, hat seine Memoiren unter dem Titel „Diplomat i Grænselandet“ veröffentlicht. Das 416 Seiten starke Buch ist vom nordschleswigschen Geschichtsverein „Historisk Samfund for Sønderjylland“ herausgegeben worden.

Das gut lesbare Buch des auf die Geschichte im heutigen deutsch-dänischen Grenzland spezialisierten Geschichtswissenschaftlers hat das Format einer Chronik der jüngeren Geschichte der durch die Grenzziehung vor 100 Jahren bis heute geprägten deutsch-dänischen Region.

Details zur Demission 2017

Es liegt inzwischen mehr als drei Jahre zurück, dass der 1950 in Vejle geborene Becker-Christensen in Anwesenheit unter anderem des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Daniel Günther (CDU), Kulturministerin Mette Bock (LA) und Spitzenvertretern der Grenzregion seinen Abschiedsempfang im Generalkonsulat am Nordergraben in Flensburg gab.

Im Schlussabschnitt seiner Erinnerungen lässt der Autor durchblicken, wie ihn die Würdigungen seines Wirkens von 1998 bis 2017 durch deutsche und dänische Repräsentanten in der Schlussphase seiner wertvollen Tätigkeit zugunsten der dänisch-deutschen Verständigung erfreut haben.

War seinem Abschied aus dem Amt doch Ende 2016 ein peinlicher politischer Kuhhandel in Verbindung mit der Umbildung der Regierung unter Leitung von Lars Løkke Rasmussen (Venstre) vorausgegangen, der vorsah, seinem Parteifreund Bertel Haarder als Trostpflaster für den Verlust des Kulturministeriums den Posten als dänischer Generalkonsul zuzuschanzen.

Krisenzeiten gemeistert

Die Lektüre der vorherigen Kapitel im Buch gibt viele Einblicke in das Wirken Becker-Christensens in enger Verbundenheit mit der dänischen Minderheit gerade auch in Krisensituationen – wie etwa nach den Versuchen der CDU-Regierung unter Leitung von Peter Harry Carstensen, die seit den 1980er Jahren schrittweise errungene Gleichberechtigung der dänischen Minderheitenschulen bei der Gewährung von Fördermitteln des Landes Schleswig-Holstein zurückzudrehen.

Mit der Bildung der Küstenkoalition von SPD, Grünen und SSW im Jahre 2012 gelang die Rückkehr zur vollen Gleichberechtigung, anschließend schwenkte auch die CDU ein, in deren Kreisen Politiker wie der heutige Minderheitenbeauftragte Johannes Callsen und Regierungschef Daniel Günther erkannt haben, dass mit Initiativen gegen die dänische Minderheit in Sachen Schulzuschüsse oder Zweifel an der Befreiung der Partei der dänischen Minderheit, SSW, von der Sperrklausel bei den Landtagswahlen, sehr viel Porzellan zerschlagen wird – mit großen Belastungen der über Jahrzehnte ausgebauten deutsch-dänischen Zusammenarbeit auf Regierungsebene.

Im Geist von 1955

Becker-Christensen lässt durchblicken, dass die Gleichberechtigung der Minderheiten im Grenzland seit den Bonn-Kopenhagener Erklärungen für die deutsche wie die dänische Seite Geltung hat.

So erwähnt Becker-Christensen, dass er nordschleswigsche Kommunalpolitiker an Grundsätze von 1955 erinnert hat, als diese Fördermittel für eine deutsche Kindertagesstätte kürzen wollten, weil sie meinten, dort würden überwiegend Kinder betreut, die gar nicht zur Minderheit gehörten.

Behörden steht es laut der Erklärung nicht zu, festzustellen, ob jemand ein „echtes“ Mitglied der Minderheit ist.

Engagement für Verständnis dänischer Positionen

Wie rasch Vorgänge aus der Amtszeit Becker-Christensens Geschichte geworden sind, verspürt man bei seinen Ausführungen über weitere Grenzlandkrisen wie dem Autobahnmarsch im Herbst 2015, als es einen Ansturm vor allem von syrischen Flüchtlingen auf die Grenze gegeben hatte.

Becker-Christensen, der seit Jahrzehnten Vorträge nicht nur im Bereich der dänischen Minderheit, sondern auch in deutschen Einrichtungen in Schleswig-Holstein gehalten hat, erinnert an seinen Einsatz, gegenüber der deutschen Seite klarzustellen, dass Dänemark sich trotz des in vielen deutschen Medien damals gezeichneten Bildes eines flüchtlingsfeindlichen Landes als Rechtsstaat seinen internationalen Verpflichtungen gemäß Asylsuchenden angenommen habe.

Genauestens behandelt der Autor inzwischen oft vergessene Kapitel im Grenzland wie den Beginn der deutsch-dänischen Zusammenarbeit im Rahmen der EU-Interregprogramme, einschließlich der Schaffung der Region Sønderjylland-Schleswig.

Es wird der Widerstand auf dänischer Seite bei diesem Thema ebenso beleuchtet wie im Zusammenhang mit der Abschaffung der deutschen und dänischen Grenzkontrollen im Rahmen der Verträge von Schengen im Jahre 2001.

Sydbank Fonden fördert Buch

Wie das nordschleswigsche Geldinstitut Sydbank am Mittwoch mitteilte, wird die Stiftung der Bank, Sydbank Fonden, das Werk Becker-Christensens mit 20.000 Kronen fördern. Die Bank habe Filialen in Kiel, Hamburg und Flensburg und viele Geschäftskunden, die Geschäfte über die deutsch-dänische Grenze abwickelten, so Geschäftsdirektor Per Rasmussen. Deshalb sei es wichtig, dass die Stiftung der Bank eine solche historische Betrachtung der Region unterstütze. Henrik Becker-Christensen freut sich über die Unterstützung der Stiftung. Diese habe dazu beigetragen, dass das Buch veröffentlicht werden konnte, so der ehemalige Generalkonsul.

Aktualisiert am 12. November, Abschnitt Sydbank

Foto: Historisk Samfund for Sønderjylland

Nachlesen kann man auch, wie es bereits kurz vor dem Regierungsantritt Helle Thorning-Schmidts (Sozialdemokraten) in Kopenhagen 2011 der Dänischen Volkspartei beinahe gelungen war, Grenzkontrollen wieder einzuführen. Kontrollen, die es seit 2016 wieder „vorübergehend“ gibt.

Bei der Lektüre vernimmt man, dass auch ein Kenner der Materie wie Becker-Christensen, der sich augenzwinkernd der nach wie vor bestehenden deutsch-dänischen Unterschiede in seinem Buch annimmt, anmerkt, dass „mehr Gewicht auf Titel in Deutschland als in Dänemark“ gelegt wird.

Dabei gab es in den vergangenen Jahren ausgerechnet im „entspannten“, freundlichen Land Dänemark, das so viele Deutsche so sympathisch finden, einen Boom an Titeln wie „administrerende Direktør“ oder „Kommunikationskonsulent“. Mögen die von diesen geführten Unternehmen auch noch so unbedeutend sein.

Henrik Becker-Christensen (l.) verstand sich gut mit dem neuen Ministerpräsidenten Daniel Günther. Foto: Volker Heesch

Nicht ausgelassen hat der Autor den eigenen Einsatz bei den vielen Besuchen von Mitgliedern des dänischen Königshauses in Südschleswig.

Er macht deutlich, welch großes Interesse vor allem Königin Margrethe nicht nur für die dänischen Südschleswiger, sondern auch für die Kultur und Geschichte des eng mit Dänemark verbundenen heutigen Bundeslandes Schleswig-Holstein zeigt.

Erlebnis aus dem Grenzland

In vielen Kapiteln liefert Becker-Christensen, untermauert durch viele Zitate im Stil des Historikers, eigene Erlebnisse im Grenzland, das er durch Ferienaufenthalte auf Alsen (Als) schon als Kind kennengelernt hatte, mit ersten Berührungen mit deutschen Urlaubern, mit denen bestimmt nicht alle Dänen etwas zu tun haben wollten.

Interessant sind Becker-Christensens Angaben zur Geschichte des dänischen Generalkonsulats in Flensburg, das kurz nach der Festlegung nach den Volksabstimmungen 1920 eingerichtet wurde. 1921 wurde das bis heute als Konsulat dienende Gebäude vom Flensburger Kommerzienrat Hübsch gekauft, die 1883/1884 erbaute Villa trug den Namen „Burg Schöneck“.

Erinnert wird an bekannte Persönlichkeiten unter den Vorgängern Becker-Christensens wie Troels Fink oder H. P. Clausen. Beide waren renommierte Historiker wie Becker-Christensen, der nach seinem Studium in Aarhus, in dem er nicht nur Nordschleswig und Grenzlandthemen kennenlernte, Mitarbeiter und später Leiter des von Professor Troels Fink gegründeten „Instituts für Grenzregionsforschung“ wurde, das heute in die Süddänische Universität integriert ist.

Minderheit erforscht

Im Kapitel über die deutsche Minderheit, die er in den 1980er Jahren auch im Rahmen seiner wissenschaftlichen Forschung für seine Doktorarbeit „Det tyske mindretal 1920-1932“ eingehend kennengelernt hat, beschreibt Becker-Christensen die Rolle der deutschen Nordschleswiger in den vergangenen Jahrzehnten als „gute Botschafter“ Dänemarks.

Nachdem er 1971 noch die alte Garde der Minderheit wie Rudolf Stehr und Harro Marquardsen kennengelernt hat, entstand im Laufe der Jahre ein vertrauensvolles Verhältnis zu Vertretern der deutschen Minderheit, mit denen er informell viele Themen diskutieren konnte.

Er nennt die Zusammenarbeit mit Hans Heinrich Hansen, Hinrich Jürgensen, Peter Iver Johannsen und Uwe Jessen ebenso wie das Wirken der Sekretariatschefs Siegfried Matlok und Jan Diedrichsen.

Man kann erahnen, dass Becker-Christensen bei den Regelungen zugunsten der deutschen Minderheit bei der Ausformung der dänischen Strukturreform ab 2004 ebenso mitgewirkt hat wie bei weiteren Themen.

Das Innenleben der dänischen Minderheit

Sehr aufschlussreich sind die langen Ausführungen Becker-Christensens über seine tiefen Einblicke in das Innenleben der dänischen Minderheit, in der Vielfalt und kontroverse Positionen zum Alltag gehören.

Becker-Christensen berichtet über seinen großen Einsatz, gerade auch in konservativen Kreisen in Schleswig-Holstein Verständnis für Dänemark und die dänische Minderheit zu fördern. Als Ergebnis wird die Rückkehr des Idstedt-Löwen nach Flensburg beschrieben, einst ein rotes Tuch für deutsche Flensburger.

Bei Ausführungen über Besuche wie auf der Insel Föhr werden gern Hinweise auf historische Verbindungen der Insel zu Dänemark gegeben. So heißt es, der dänische König Christian VIII. habe in der 1840er Jahren von Föhr aus Dänemark regiert, wenn er sich alljährlich für einen Monat dort in der Sommerfrische aufhielt.

Das sehr lesenswerte Buch hinterlässt ein Gefühl von Wehmut, dass der Diplomat des Grenzlandes schon 2017 sein segensreiches Wirken im Generalkonsulat beenden musste.

Diplomat im Grenzland

Henrik Becker-Christensen: Diplomat i grænselandet. Historisk Samfund for Sønderjylland (Hg.). 420 Seiten. Preis: 248 Kronen

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