Leserbrief

„Man braucht sehr lange, um jung zu werden“

Man braucht sehr lange, um jung zu werden

Man braucht sehr lange, um jung zu werden

Claudia Heinemann
Bülderup-Bau/Bylderup-Bov
Zuletzt aktualisiert um:

Unsere Leserin Claudia Heinemann bezieht in ihrem Leserbrief Stellung zu den Bericht „Hartmut Rosa: Eine Welt aus Beziehungen statt Macht“ von Andrea Kunsemüller, der kürzlich im „Nordschleswiger“ erschienen ist.

Erstmal danke für den Bericht, Andrea! Vor allem, weil der zum Weiterdenken anregt - bei mir jedenfalls. Vorläufiges Ergebnis meiner spontenen Nachdenkerei ist: Ich würde dem Begriff “Resonanz” (in-Beziehung-treten, spontan auf Situationen eingehen, ant-worten, übersetz ich mir das) den ebenso populären Begriff “Resilienz” an die Seite stellen (was ich mit innere Stärke - Festigkeit - Widerstandsfähigkeit übersetze; am treffendsten haben sich das dereinst die “jungen SPitzen” auf ihr Panier geschrieben, indem sie formulierten: “Steh dazu!”)

Mein Gedankengang ist folgender: Ob und wie und wann ich in Resonanz zu meiner Umgebung trete, hängt zum einen ab von meiner Aufmerksamkeit für sie; und dann aber wesentlich von der Bedeutung, die ich der Situation gebe. Beides wird bestimmt, so empfinde ich das, natürlich von all dem, wie ich geworden bin, schlicht: welche Peron ich bin (“Person” ist so ein wunderbarer, hier so gut passender Begriff, denn er bedeutet ja (lateinisch) “durch (per) - klingen (von sono = tönen, ertönen, klingen, was ja auch in Re- sonanz - also eigentlich “zurück-tönen, wieder-erklingen, wider-hallen” steckt).

Am im Bericht zitierten Beispiel “Begegnung mit einer Frau (oder einem Mann!) mit Baby im Kinderwagen” reagiere ich also dann in Resonanz, trete also in Beziehung, wenn ich auf diese Alltagssituation erstens aufmerksam bin; wenn sie mich zweitens erfreut, weil ich ihr eine positive Bedeutung beimesse; und wenn ich mich drittens über meine Zweifel (“ist meine Reaktion erwünscht?”) und gesellschaftliche Normen (“man oder besonders frau tritt auf der Straße nicht mit Fremden in Kontakt”) und mein dadurch “gefährdetes” Ansehen als “ernst zu nehmende ältere Frau” hinwegsetze. Und meiner spontanen Regung nachgebe und mit dem Baby “Albernheiten” auszutauschen beginne....

Für mich verlangt das schon (siehe Biografie - also “wie ich (erzogen) wurde, wie ich bin”) eine kleine innere Standhaftigkeit - zu meinem Bedürfnis zu stehen, unbedingt das Baby bewundern und mit ihm “reden” zu wollen. Egal, ob die Mutter oder der Vater davon nurn erbaut ist oder sich genervt fühlt und keine Zeit mit solchen Albernheiten verbringen will.

Der andere Gedanke ist: dass auf mich andererseits ja auch reagiert wird, andere also mit mir in Resonanz treten, wenn ich mich in die Öffentlichkeit begebe - ob ich will oder nicht. Ob ichs merke oder nicht - man reagiert auf die Art, wie ich mich frísiere - kleide - wie ich gehe - wie ich blicke usw.usf. Hier ein winziges Beispiel aus meinem Alltag, in dem ich in meinem Dorf per Rad zum Kaufmann unterwegs bin. Und plötzlich hör ich über mir die typischen klagend-melancholischen Schreie von Wildgänsen und halte an und steige vom Fahrrad und bleibe stehen und schaue in den Himmel. Und bewundere zum wievielten Mal? die wundersame Keilformation und das “Gespräch” der schönen, ganz gleichmäßig fliegenden Vögel...Als ich mal meinen Nacken entspannen muss und geradeaus schaue, bemerke ich, dass auf der anderen Seite der Kreuzung eine mir unbekannte Frau ebenfalls stehen geblieben ist und nach oben schaut - an ihrem Verhalten erkenne ich, dass sie das aufgrund meines in-den-Himmel-Starrens tut und dadurch erst auf die Rufe aufmerksam wurde. Und wir kommen sogar in ein kleines Gespräch, wobei sie mich darüber informiert, wo die Gänse zur Zeit am häufigsten zu finden seien...

Und ein weiterer Gedanke, der mir zu “Resonanz” kam: Dass ich selber bewusst Impulse aussenden kann, damit andere Menschen darauf reagieren. Zum Beispiel versuche ich auf der Straße oder sonstwo in der Öffentlichkeit mit dem mir begegnenden Menschen Augenkontakt aufzunehmen, um dieser Person bewusst zuzulächeln... - Warum tue ich das? Aus vor allem egoistischen Gründen: dann fühl ich mich besser, hab mehr Freude am (All-)tag, bilde mir sogar ein - wenn ich denn positive “Resonanz” bekomme -, dass “die Menschen” eigentlich liebenswert sind und dass es wunderbar ist, auf der Welt zu sein. Vielleicht “nur” in meiner Welt, vielleicht ist das Idealisierung, Illusion - aber für den Moment - und für mich besteht das Leben vor allem auch aus einer Aneinanderreihung von Momenten, die sozusagen den Reigen - oder die Kette? - des Lebens bilden - für diesen Augenblick fühlt sich die Situation “richtig” an, “stimmig”, sozusagen...

Claudia Heinemann,
Lendemark 88,
Bylderup-Bov

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