Leitartikel

„Wut auf Corona-Maßnahmen: Die Energie umleiten“

Wut auf Corona-Maßnahmen: Die Energie umleiten

Wut auf Corona-Maßnahmen: Die Energie umleiten

Apenrade/Aabenraa
Zuletzt aktualisiert um:

Das Wutbürgertum erobert auch in Dänemark die Straßen und die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. „Für Dänemark“ und „für die Wahrheit“ wird da demonstriert. Cornelius von Tiedemann macht sich Gedanken darüber, wie diese Menschen ticken – und was wir tun können, um mit ihrer Hilfe die Welt zu verbessern.

Glauben die „Men in Black“ von Kopenhagen und Aalborg wirklich, dass sie die Welt zu einem besseren Ort machen, wenn sie „für Dänemark“ skandieren und gegen Maskenpflicht und andere Maßnahmen, die zum Schutz der Schwächeren in der Gesellschaft ergriffen werden, demonstrieren?

Jeder hat ganz unbestritten das Recht, der Überzeugung zu sein, dass die Maßnahmen der Regierung überzogen sind. Und auch viele von uns hier im Grenzland fragen sich manchmal, ob sie durchdacht genug sind, ob sie nicht anders und besser hätten kommuniziert werden können.

Das frustriert. Doch unser Fazit ist dann: Das sollte nächstes Mal besser laufen, da müssen wir drauf aufmerksam machen, wir setzen auf Verständigung und Einsicht – und ansonsten auf die nächste Folketingswahl.

Doch bei besonders wütenden Menschen ist es häufig ja so: Ihnen geht es im Kern gar nicht um eine sachliche Auseinandersetzung, sondern darum, Dampf abzulassen.

Das ist ja auch fast schon verständlich nach so langen Monaten der Ausnahmesituation. Doch sollten erwachsene, wahlberechtigte Bürgerinnen und Bürger nicht auch in der Lage sein, ihren persönlichen Frust und Politik voneinander trennen zu können?

Nein, nicht alle dieser Wutbürger sind Verschwörungstheoretiker, nicht alle heißen Gewalt und Krawall gut, viele wollen eine Debatte. Das Problem: Sie akzeptieren sie vielfach nur, wenn ihnen am Ende recht gegeben wird. Demokratie funktioniert für sie nur dann, wenn das Gegenüber die eigene Meinung oder Weltsicht teilt oder übernimmt. Doch Kern der Demokratie ist es ja gerade, Widersprüche auszuhalten und zu schätzen und auch dann konstruktiv für ein besseres Zusammenleben zu arbeiten, wenn man sich in der Minderheit befindet.

Die Wutbürger allerdings gehen gleich zum Protest über.

Die Gegner der Corona-Maßnahmen übersehen, dass die Mehrheit der Menschen in Dänemark und anderswo die Maßnahmen gutheißt – ja, dass sie vielen sogar noch nicht weit genug gehen. Doch die sind eben alle blöd. Die Wutbürger zweifeln die Zurechnungsfähigkeit der Mehrheit an und die Wissenschaft, die die Gefährlichkeit des Corona-Virus belegt, und sie verbreiten im Internet Lügen und Halbwahrheiten, um ihre Ansichten zu untermauern.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk und die privaten, nach journalistischen Grundsätzen arbeitenden Medien werden gemieden und verschmäht – denn sie haben sich der Auffassung der Wutbürger nach gemeinsam mit den Regierenden gegen sie verschworen und arbeiten mit dem Ziel, die Menschheit von der „Wahrheit“ abzulenken.

So gleiten unsere Wutbürger, nicht nur in den USA oder Deutschland, auch in Dänemark, in digitale Netzwerke ab, in denen eine alternative Wahrheit kultiviert wird.

Und so machen sich diejenigen, die angeblich „für Dänemark“ und für die Demokratie kämpfen, mitschuldig daran, die Demokratie und das Zusammengehörigkeitsgefühl in der Gesellschaft zu zersetzen. An Debatten, Meinungsaustausch und Erkenntnisgewinn durch das Aufzeigen von Widersprüchen und wissenschaftlich belegten Fakten sind sie nicht interessiert.

Letztlich verhalten sie sich weitgehend wie Kinder in der Trotzphase. Auch da ist es verdammt schwer, argumentativ durchzudringen.

Sie aufzugeben und als verblendet abzustempeln, bringt sie aber nicht zurück in die Mitte der Gesellschaft. Und mit Wut auf Wut zu reagieren, facht den Trotz und den Protest nur noch mehr an.

Was also tun? Im Umgang mit trotzigen Kindern raten Pädagogen zu Humor und zum Beispiel dazu, Alternativen aufzuzeigen. Wer einen Wutbürger zu Hause oder im Bekanntenkreis hat, könnte ihr oder ihm ja einen Vorschlag machen. Zum Beispiel so:

„Dir passt das mit den Corona-Maßnahmen alles nicht, und du fühlst dich übersehen und ohnmächtig. Das verstehe ich. Daran können wir jetzt nichts ändern. Aber vielleicht kannst du die Energie nutzen, um dich für unser Naturschutzgebiet oder für Obdachlose zu engagieren oder in der Minderheit mit anzupacken oder in der freiwilligen Feuerwehr. Die brauchen Leute wie dich mit Pulver im Hintern.“

Vielleicht klappt es ja so, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. „Für Dänemark“.

Mehr lesen

Leitartikel

Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
„Anstand mit Abstand“

Standpunkt

Gesellschaft für bedrohte Völker
„Affront gegen die Vielfalt: EU wendet Minderheiten den Rücken zu“