Leitartikel

„Weltuntergangsstimmung“

Weltuntergangsstimmung

Weltuntergangsstimmung

Apenrade/Aabenraa
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Was kommt eigentlich zuerst, der Klimaschutz oder der Mensch? Wann wird aus notwendigem Nachdenken Panikmache? Nordschleswiger-Redakteurin Sara Wasmund wünscht sich mehr Verstand und gegenseitiges Verstehen wollen – und weniger Emotionen und Beschimpfungen.

Sie sitzt uns im Nacken, die Angst vor dem von Menschen geschaffenen Weltuntergang. Diese Angst vor dem Klimawandel ist gegenwärtig, und sie ist grundsätzlich berechtigt. Doch wo darf, wo muss sie unser Leben prägen, wo zu einem besseren, nachhaltigeren Umgang mit der Natur animieren, und wo beginnt sie, unser Leben kaputtzumachen?

Ganz nüchtern betrachtet ist es ja so: Wir haben nur dieses eine Leben hier auf dieser Welt. Für jeden einzelnen Menschen auf diesem Planeten gilt: Das ist kein Probelauf, kein erster Versuch, es gibt keine Generalprobe. Und so tut sich ein Dilemma auf: Einerseits sollten wir unser Dasein auf dieser Welt genießen – und es nicht von Ängsten und Szenarien bestimmen lassen, die uns den Lebensmut nehmen oder gar Panik auslösen. Andererseits gilt es, verantwortungsvoll zu leben, sodass auch die Generationen nach uns noch gute Lebensbedingungen vorfinden.

Doch wo beginnen? Im englischen Königshaus ließen Prinz Harry und seine Frau Meghan – eine aktive und bekennende Umweltschützerin – unlängst verlauten, dass sie höchstens zwei Kinder zur Welt bringen wollen, da jeder zusätzliche Mensch auf dieser Welt die CO2-Bilanz verschlimmert. Auch Schüler der deutschen Schule in Apenrade haben unlängst im Unterricht mit Blick auf den Klimaschutz laut darüber nachgedacht, ob eine Ein-Kind-Politik sinnvoll sein könnte, um die CO2-Bilanz zu senken.

Bei Ein-Kind-Politik muss ich umgehend an Chinas Diktatoren denken, die diese Regel über viele Jahrzehnte mit harter Hand den Bürgern aufgezwungen haben. Undenkbar, dass so etwas auch in Dänemark oder Deutschland eingeführt werden könnte. Wirklich undenkbar? Der Kampf um den Klimaschutz ist emotional und stark wie nie, und das Argument „ist gut fürs Klima“ wird mit jeder Woche stärker.

In Dänemark dürfen beispielsweise ab 2030 keine neuen Benziner und Dieselautos zugelassen werden. Das Gesetz ist erlassen worden, obwohl die angedachte Ersatzware E-Auto nur mit Blick auf den heimischen Betrieb, nicht aber in der Gesamtproduktion der Herstellung umweltfreundlicher ist. Rechnet man die CO2-Bilanz der Herstellung zusammen – Abbau und Import von Kobalt aus Afrika, Lithium aus Südamerika, auf zur Batterienproduktion nach China und zurück über die Ozeane zur Herstellung in die USA oder Europa – ist das E-Auto nicht unbedingt die umweltfreundliche Alternative. Aber bestimmt gut für die gefühlte weiße Weste des Westens.

Wir erleben dieser Tage eine Umweltschutzbewegung und eine Klimadebatte, die sehr emotional geführt wird, man denke nur an die wütende, aufwühlende Rede der schwedischen Umwelt-Aktivistin Greta Thunberg, dem Vorbild mindestens einer Generation. Großstädte in ganz Europa erleben in diesen Tagen organisierte Proteste der Bewegung „Extinction Rebellion“, die den Verkehr in Großstädten lahmlegen und gegen SUV-Fahrer wettern.

Ist es gut und wichtig, darüber nachzudenken, dass Autofahren der Umwelt schadet und SUVs nicht unbedingt sinnvoll, sondern Statussymbole sind? Ja. Ist es gut und richtig, Menschen, die SUVs fahren, zu beleidigen und Verkehrsteilnehmer daran zu hindern, an ihr Ziel zu kommen? Nun, genau hier scheiden sich die Geister. Die einen rufen „ja klar, die Deppen, die SUVs fahren, haben es nicht anders verdient“. Die anderen fühlen sich in einer Gesellschaft, in der jeder sein eigenes Leben führen darf, wie es ihm beliebt, recht wohl und wertschätzen diese persönliche Wahlmöglichkeit.

Ich schätze die Freiheit in einer Gesellschaft wie der unseren. Ich vermisse den Respekt gegenüber Andersdenkenden, vermisse die gegenseitige Achtung der Tatsache, dass jeder sein Leben selbst gestalten darf. Das Gespräch über den Fleischkonsum suchen und aufklären? Ja, danke. Einen Schlachter wegen seines Berufes beschimpfen und sein Schaufenster beschmieren? Nein, danke.

Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, in der die Politik irgendwann aus guten Klimagründen eine Ein-oder-zwei-Kind-Politik vorschreibt, getrieben von Emotionen und von Angst. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, die vor lauter Gefühlen und Panik nicht vergisst, dass wir nur dieses eine Leben haben. Und dass dies nicht ausschließlich von Wut und Angst und Panik vor dem Klimawandel bestimmt werden sollte.

Weltweite Verantwortung übernehmen und dabei sich selbst hinterfragen? Los geht’s. Weltuntergangsstimmung schüren und Panik machen ist aber sicherlich kein sonderlich konstruktiver und schon gar kein hilfreicher Weg.

Denn was wir und die Welt jetzt brauchen, ist ein Weg, den die breite Masse mitgehen kann – und will. In der Kommune Sonderburg beispielsweise nimmt man die Bürger schon seit Jahren erfolgreich mit auf die Reise, bis 2028 CO2-neutral zu sein. Die Bürger machen mit – bauen ihre Häuser klimafreundlich um, helfen, das Klima zu schützen, ändern ihr Verhalten. Mit Beschimpfungen wäre man hier nicht weit gekommen.

Was gefunden werden muss, ist ein Weg mit durchdachten und neu zugeschnittenen Regeln. Ohne Züge einer klimareligiösen Bewegung, in der das Ziel alle Mittel heiligt und die dem einzelnen Menschen weniger Respekt entgegenbringt als einer Zuchtsau, für dessen Haltungsbedingungen man auf die Straße geht.

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