Leitartikel

„Streicheleinheiten“

Streicheleinheiten

Streicheleinheiten

Apenrade/Aabenraa
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Auf die Frage, ob das Format des Deutschen Tages noch zeitgemäß gemäß ist, hat Chefredakteur Gwyn Nissen eine klare Antwort.

Der erste Sonnabend im November ist so etwas wie ein nationaler Feiertag für die deutsche Minderheit in Nordschleswig. Der Deutsche Tag, der in der Sporthalle Tingleff mit einer Festveranstaltung kulminiert, ist der Tag, an dem sich die deutsche Volksgruppe im Landesteil selbst feiert – und feiern lässt.

Die drei Stunden in der Sporthalle sind keine unterhaltsame Schlagerparade – und sollen es auch nicht sein. Dafür gibt es jede Menge Unterhaltung bei den vielen Veranstaltungen in den Ortsvereinen. In Tingleff gibt es dagegen eine Mischung aus Grußworten, einer Festrede und einem unterhaltsamen Kulturprogramm. So läuft es schon seit Jahrzehnten – und so darf es auch gerne weiterlaufen.

Der Deutsche Tag ist mit vielen Traditionen verbunden, und am Gerüst der Veranstaltung wird nicht gerüttelt – kleine Anpassungen hat es über die vergangenen Jahre aber immer wieder gegeben.

Der kritische Blick von einigen richtet sich immer wieder auf die vielen Reden. Doch gerade diese machen den Stellenwert des Deutschen Tags aus. Die Politiker kommen heute auf den Punkt, haben klare Aussagen und halten sich an die Vorgabe, wie lange sie sprechen dürfen. Dadurch haben die Redebeiträge in den vergangenen Jahren an Dynamik und Aussagekraft gewonnen.

Sonntagsreden oder gar Lobesreden? Ja, sicherlich ist die Festveranstaltung nicht der Rahmen, um groß Kritik zu üben, sondern es fühlt sich eher an wie drei Stunden lang Streicheleinheiten. Das tut gut und ist nötig, denn auch 2019 ist das Minderheitendasein nicht immer leicht. Wir müssen uns und unsere Wünsche – auch wenn es mit den Anfangsjahren vor fast 75 Jahren überhaupt nicht zu vergleichen ist – manchmal immer noch erklären und verteidigen. Außerdem gibt es weiterhin Enttäuschungen, vor allem weil unsere Erwartungen an Toleranz und Akzeptanz in der Gesellschaft größer sind als vor Jahren.

Alles in allem sind dies allerdings nur kleine Dellen auf dem Weg und keine wirklichen Hindernisse, die unsere Existenz als Minderheit bedrohen. Auf dem Hintergrund gehen die Reden aber runter wie die Schlagsahne auf den Torten, die genauso zu den Traditionen des Deutschen Tages gehören wie das Blasorchester des Jugendverbandes, die Tombola des Sozialdienstes oder die Ehrungen durch die Jes-Schmidt-Stiftung.

Dabei wäre die eine oder andere Herausforderung oder Provokation in diesem Rahmen gar nicht fehl am Platze. Das brauchen wir als Minderheit nämlich auch, um uns weiterzuentwickeln. Bei aller hygge und aller Tradition.

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