Leitartikel

„Problem-Wolf oder Problem-Mensch?“

Problem-Wolf oder Problem-Mensch?

Problem-Wolf oder Problem-Mensch?

Apenrade/Aabenraa
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In ihrem jüngsten Leitartikel befasst sich Sara Wasmund mit dem Thema Wölfe – und damit, wie der Menschen mit ihnen umgehen kann.

Der Wolfsbestand in Dänemark ist in den vergangenen Monaten um zwei Rüden angewachsen und erneut kommt die Diskussion darüber auf, wie man im Land mit den Wildtieren umgehen soll. Schafzüchter und in Waldnähe lebende Familien sind besorgt; die Forderungen reichen vom Abschuss sämtlicher Tiere bis hin zum Einzäunen der Rudel.

Die Frage ist, inwieweit der Mensch anno 2019 der Natur ihren Lauf lässt. Die Natur, das ist eben kein Waldspielplatz, kein angelegter Park. Wälder sind in ihrem Ursprung keine Naherholungszone mit netten Wanderwegen, sondern kolossale Biotope voller Leben.

Daher muss man in der Diskussion rund um den Wolf die ehrliche Frage stellen, wieviel Natur im ursprünglichen Sinne wir hierzulande eigentlich haben wollen. Wieviel Unkontrollierbarkeit wir zulassen.

Denn es ist genau diese Unkontrollierbarkeit, die dem Menschen Angst macht. Wir lieben Hunde, weil wir sie nach unseren Wünschen erziehen und abrichten können – aber seinen nicht-domestizierten Urahn? Nein danke, der macht nicht, was wir wollen. Der macht uns Angst und zerreißt unsere Schafe, die wir dann nicht mehr schlachten und selbst essen können.

Es ist die alte Mär vom bösen Wolf, die immer wieder dann blutig genährt wird, wenn irgendwo zerfleischte Schafe auf einer Weide liegen. Und die DNA-Analyse am Ende beweist, dass es ein Wolf war, der die Tiere „gerissen“ hat. Was für ein Monster, könnte man meinen.

Aber sieht es wirklich weniger blutig aus, wenn die Schafe wenig später von Menschenhand geschlachtet und gehäutet werden? Da muss der Mensch nicht so tun, als klebte an seinen Pfoten kein Blut. Hier spielen vielmehr ökonomische Verluste und Kontrollverlust eine Rolle.

Schließlich stehen die meisten Schafe im Land nicht aus dekorativen Zwecken in der eingezäunten Landschaft herum, sondern weil Menschen sie aufessen wollen. Mal ganz schlicht ausgedrückt. Wer beim Anblick der toten Tiere an die „armen, armen Schafe“ denkt und sich abends beim Grillen ein Lamm-Kotelett gönnt, kann sich ja mal fragen, wie ehrlich das eigentlich ist.

Da Dänemark längst nicht mehr aus echter Natur, sondern hauptsächlich aus landwirtschaftlich genutzten und angelegten Flächen besteht, kommt es immer wieder zum Knall zwischen Natur und Mensch. Ja, der Wolf richtet ökonomische Schäden an, wenn er Schafe reißt, und hier sind staatliche Entschädigungszahlungen eine gute Idee.

Ansonsten ist die Diskussion rund um den Wolf ein guter Anlass darüber nachzudenken, inwieweit wir die Natur ernstnehmen, ihr Raum geben und mit ihr umgehen wollen. Die Natur kann zwar wunderschön sein, aber sie ist bestimmt nicht immer gemütlich. Oder angenehm. Oder nett. Die Natur ist nicht vorhersehbar, sie ist souverän, nicht kontrollierbar und vor allem: Nicht von Menschenhand erschaffen. Sie befindet sich außerhalb unserer Reichweite. Wir können sie nicht hervorbringen, können sie höchstens in Teilen beherrschend, indem wir sie zerstören. Was uns ja leider allzu gut gelingt. Die Frage nach dem Problem-Wolf hält uns Menschen den Spiegel vor: Sind wir das Problem, weil wir ein Problem mit der Natur haben?

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