Leitartikel

„Pinds Stachel“

„Pinds Stachel“

„Pinds Stachel“

Apenrade/Aabenraa
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Pinds Vorschlag, die Muslime sollten sich in Dänemark „assimilieren“, zeugt eher von einem bedauerlichen Unwillen, sich den Herausforderungen des modernen Zusammenlebens in einer globalisierten Welt zu stellen, als von einer tragfähigen Alternative zu Paludans Deportations-Lösung, meint Cornelius von Tiedemann.

Über Jahre hat er als Minister und Abgeordneter in Dänemark immer wieder für Schlagzeilen gesorgt, öfters auch der kuriosen Art. Nein, Søren Pind, der nun schon länger als ein Jahr aus der Politik verschwunden ist, war kein Politiker wie alle anderen – auch wenn er sich vorwerfen lassen muss, sich zwar in seiner Art und vielleicht auch in seinen Bereichen fachlich – nicht aber öffentlich inhaltlich – gegen den Strom gestellt zu haben. Einen Strom, den er jetzt vielbeachtet kritisiert, ja, verrissen hat. Gemeint ist der viel zu häufig als „Kritik“ getarnte Hass auf den Islam. Sogar der Koranverbrenner Paludan, der den dänischen Steuerzahler mit seinen Aktionen in diesem Frühjahr hohe Millionenbeträge gekostet hat, wird in Dänemarks Medien ja als „Islamkritiker“ aufgewertet. Doch Kritik verlangt einen Maßstab, verlangt Diskurs, Einordnung und Bewertung – nicht nur Schmähung und Verdammung.

Søren Pind, der sich lange Zeit selbst von der in Dänemark als „islamkritisch“ geltenden Dänischen Volkspartei als Minister dulden ließ, hat nun in einem Beitrag in „Berlingske“ dargelegt, wie die „Kritik“ am Islam in Dänemark das Monster geschaffen hat, als das viele Rasmus Paludan sehen. Paludan, der von „Deportation“ spricht, wenn er über seine muslimischen Mitbürger redet, und dem viele tausende Dänen bei der Folketingswahl ihre Stimme geben wollen.

Er sei nicht überrascht, dass es soweit gekommen ist, sagt Pind – und sieht, Jahre und Jahrzehnte, nachdem lange vom bürgerlichen Lager als Gutmenschen verhöhnte Beobachter die Ausländerpolitik und -rhetorik unter den blauen Parteien als brandgefährlich bezeichnet haben – seine ehemaligen Weggefährten im bürgerlichen Lager in der Verantwortung. Die, die den Islam in Dänemark am lautesten bekämpft haben, hatten und haben keine Strategie, sagt er und fragt, was eigentlich die tiefere Absicht hinter Gesetzen wie dem Burkaverbot und dem Zwangs-Handschütteln ist.

Die unausgesprochene Wahrheit, so Pind, sei es in den vergangenen Jahren stets gewesen, dass der Islam das Problem sei, ohne eine „endgültige Lösung“ zu nennen. Paludan sei nun derjenige, der diese Lösung ausspreche. Das Ganze klingt furchtbar nach „Endlösung“ und es ist schon erschreckend, dass einer, der nach einer solchen ruft, im Jahre 2019 überhaupt noch Gehör findet.

Besorgniserregend ist aber auch Pinds Sicht auf die Welt – die nicht anders als kulturnationalistisch zu bezeichnen ist. Es sei kein Zufall, dass „einige der am meisten unterdrückten und ärmsten Länder der Welt von dieser Philosophie geprägt sind“, sagt er über den Islam, eine Religion und Kultur, die uns auf vielen Gebieten den Weg geebnet hat, den wir heute selbstverständlich als Teil der westlichen Errungenschaften sehen. Wissenschaft und Künste, von der Medizin über die Architektur bis zur Chemie und Mathematik – die islamische Welt war uns lange voraus.

Über ihren Abstieg und dessen Gründe kann lange philosophiert werden – aber den Islam und alle Menschen, die dieser Religion angehören, an sich als unvereinbar mit Fortschritt und Demokratie zu bezeichnen, greift viel zu kurz. Und Pinds Vorschlag, die Muslime sollten sich in Dänemark „assimilieren“, zeugt eher von einem bedauerlichen Unwillen, sich den Herausforderungen des modernen Zusammenlebens in einer globalisierten Welt zu stellen, als von einer tragfähigen Alternative zu Paludans Deportations-Lösung.

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