Leitartikel

„Mehr als nur eine Zahl“

Mehr als nur eine Zahl

Mehr als nur eine Zahl

Apenrade/Aabenraa
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Jeden Tag werden wir mit Corona-Neuinfektionen, Corona-Todesfällen und 7-Tage-Inzidenzwerten konfrontiert. Was wir nach einem Jahr Pandemie fast vergessen haben, ist, dass hinter diesen Zahlen Menschen stehen, findet Journalistin Kerrin Jens.

„In den vergangenen 24 Stunden hat die dänische Behörde für Infektionskrankheiten und nicht übertragbare Krankheiten weitere 724 mit dem Coronavirus infizierte Personen registriert. Es gibt 32 neue Todesfälle im Zusammenhang mit dem Virus.“ So oder ähnlich steht es jeden Tag auf unserer Webseite. Es gehört zu meiner täglichen Routine, diese Zahlen in die Corona-Grafik des „Nordschleswigers“ einzutragen.

Doch was mittlerweile vergessen wird, ist, dass hinter diesen Zahlen menschliche Schicksale stehen. Nach zehn Monaten Pandemie sind wir nicht nur coronamüde, sondern auch immun den Statistiken gegenüber. Uns fehlt die Relation – 30 Corona-Tote an einem Tag sind für uns nichts Ungewöhnliches mehr.

Doch was ist, wenn wir die Todeszahlen in einem anderen Kontext betrachten? Bei dem Zugunglück Anfang 2019 auf der Brücke über den Großen Belt sind 8 Menschen ums Leben gekommen, 16 wurden verletzt.

„Das schwerste Zugunglück seit mehr als 30 Jahren – Dänemark trauert“, hieß es im „Nordschleswiger“ am nächsten Tag. Während der Corona-Krise ist die Sterberate fast viermal so hoch. Seit Ende Dezember jeden Tag. Getrauert wird allerdings nur im kleinen Kreis, und nicht wenige beschweren sich über die neuen Maßnahmen und Einschränkungen.

Wer den Bezug zu den Zahlen verloren hat und sich freut, dass in Deutschland die tägliche Todeszahl von 1.244 (14. Januar) auf 989 (19. Januar) gesunken ist, dem empfehle ich die Dokumentation „Exklusive Einblicke: Intensivstationen am Limit“ vom Politik-Magazin Panorama 3 des „NDR“ oder die Reportage „Sygeplejersker presset i bund“ von 21 Søndag bei „DR“.

Beide Clips geben erschreckende Einblicke in den Corona-Alltag von Ärzten und Pflegekräften auf der Intensivstation. Die Video-Tagebücher zeigen schonungslos, wo diese Pandemie wirklich ausgefochten wird. Neben Intensivpflegerinnen, die von ihrer Arbeitsbelastung erzählen, spricht ein Hamburger Seelsorger von der berechtigten Angst der Corona-Patienten auf der Intensivstation, allein zu sterben, weil sie keinen Besuch bekommen dürfen.

Die Bilder sind bedrückend, führen einem aber vor Augen, dass jeder Todesfall einer zu viel ist. Daran sollten wir denken, wenn wir morgen die Corona-Zahlen im Radio hören, auf unserem Smartphone lesen oder im Fernsehen schauen.

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