Leitartikel

„Liebe Mette“

Liebe Mette

Liebe Mette

Nordschleswig/Sønderjylland
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Ab Mittwoch verhandeln die Parteien im Folketing über die künftigen Corona-Maßnahmen. Eine Gelegenheit, auch wieder einen Blick auf das deutsch-dänische Grenzland und die geschlossenen Grenzen zu werfen, schreibt Chefredakteur Gwyn Nissen an Staatsministerin Mette Frederiksen.

Kære Mette, liebe Mette,

deine Regierung nimmt am Mittwoch wieder die Verhandlungen mit den Parteien im Folketing auf. Dabei geht es um die kommenden Corona-Maßnahmen und um weitere Lockerungen in der Phase vier. Ich weiß, du und deine Kollegen auf Christiansborg, ihr habt eine schwierige Zeit hinter euch. Der Lockdown war nicht leicht, und die Rückkehr in die Normalität erweist sich sogar als noch schwieriger. Vor allem jetzt, wo die Zahl der Corona-Infizierten wieder steigt.

Du musst die richtige Balance finden zwischen konkreten Maßnahmen und Lockerungen, zwischen Corona-Bekämpfung und wirtschaftlichen Interessen, zwischen persönlicher Freiheit und Gemeinsinn.

Die Einwohner Dänemarks freuen sich bei den Lockerungen über jedes Stückchen neu gewonnene Freiheit, und jetzt warten natürlich auch die jungen Leute gespannt auf die Öffnung des Nachtlebens. Ich befürchte, du wirst sie noch hinhalten müssen.

Ich habe dich allerdings im Fernsehen gehört, wie du erzählt hast, dass beim Lockdown, der große Hammer benutzt wurde, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern. Jetzt, wo Corona zurückgekommen ist, willst du den kleineren, lokalen Hammer einsetzen. Das klingt vernünftig, denn wir erleben derzeit keine zweite Corona-Welle, sondern es ist eher im Land verstreutes Geplätscher. Wovor wir uns allerdings in Acht nehmen müssen.

Auch das Statens Serum Institut spricht wie du von regionalen Maßnahmen, damit das ganze Land nicht wieder im Corona-Lockdown versinkt.

Doch wenn Maßnahmen regional möglich sind, müssten auch Lockerungen regional und lokal möglich sein. Daher meine Bitte an dich und deine Kollegen, Mette: Schaut doch bitte ins deutsch-dänische Grenzland und auf die Grenzkontrollen. Das geht doch ganz bestimmt besser und geschmeidiger als heute.

Zum Beispiel verstehe ich nicht, dass ich bei der Einreise nach Dänemark jedes Mal anhalten und meinen Pass vorzeigen muss – der dann auch gründlich durchgeblättert wird. Wie verhindert das die Ausbreitung von Corona? Das Gleiche gilt für unsere Mitarbeiter, die aus Flensburg hierher zur Arbeit fahren. Welche Gefahr geht von ihnen aus?

Liebe Mette, du hast uns vor einigen Monaten eine Normalisierung im Grenzland versprochen. Davon sind wir leider noch weit entfernt. Viele unserer natürlichen Grenzwege sind gesperrt, und im Grenzland fahren wir derzeit gerade viele unnötige Kilometer oder stehen lange im Stau. Es gibt immer noch Familienmitglieder und Freunde, die sich nicht wie früher sehen können. Es sei denn, wir fahren zum Beispiel nach Hamburg – umgekehrt geht es nämlich nicht, Hamburger dürfen nicht so einfach rein.

Im deutsch-dänischen Grenzland haben wir wie alle anderen im Lande dazu beigetragen, die Verbreitung des Coronavirus zu verhindern. Das ist uns gelungen – und unseren deutschen Nachbarn übrigens auch. Wir haben im Grenzland aber durch die geschlossenen Grenzen und weiteren Corona-Maßnahmen, die immer noch gelten, einen extra hohen Preis gezahlt. Und tun dies immer noch.

Daher meine Bitte, wenn du Mittwoch wieder über Corona-Maßnahmen verhandelst: Mach die Grenze wieder ein Stück weiter auf. Ich glaube, wir können im Grenzland gut damit umgehen.

Dein Gwyn Nissen

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Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
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