Leitartikel

„Dieser Kelch ging vorüber“

Dieser Kelch ging vorüber

Dieser Kelch ging vorüber

Apenrade/Aabenraa
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Bauschutt aus dem Kernkraftwerk Brunsbüttel wird vorerst nicht an der Grenze deponiert. „Nordschleswiger“-Journalist Helge Möller kommentiert die Kieler Entscheidung.

Die Deponie Balzersen in Harrislee, unweit der deutsch-dänischen Grenze, ist aus dem Spiel. Vorerst wird dort kein Bauschutt aus dem schleswig-holsteinischen Kernkraftwerk Brunsbüttel die letzte Bleibe finden. Harrislee ist erleichtert, Nordschleswig auch. Der Müll kommt nun auf die Deponien in Lübeck-Niemark und Johannistal in Ostholstein. Der Kelch ist am Grenzland vorübergegangen. Was, wenn das nicht so gewesen wäre?

Das Energieministerium in Kiel betont, der Müll sei Bauschutt, überwiegend Isolierwolle und asbesthaltige Abfälle. Es leuchtet ein, dass diese Stoffe eine „normale“ Entsorgung ausschließen und auf eine Deponie gehören. Doch Isolierwolle wird dann zum Politikum, wenn sie aus einem Kernkraftwerk stammt. Diese Wolle will keiner haben, die Angst vor einer unsichtbaren radioaktiven Strahlung ist immer da, auch wenn sie nicht mehr strahlen soll als alle anderen Dinge. Kritiker befürchten jedoch eine höhere Strahlenbelastung.

Eine Lagerung in Harrislee hätte die deutsch-dänischen Beziehungen belasten können. Der eine oder andere hätte sie vielleicht als Retourkutsche von deutscher Seite auffassen können für die dänischen Corona-Maßnahmen, die gern kurzfristig, gern knapp vor dem Wochenende, den Grenzlandbewohnern wieder neue Hürden in den Weg stellt. Das hätte Stunk geben können, zumindest hätte jemand, der Zwietracht und Entfremdung säen möchte, hier Munition gefunden.

Andererseits wurde in den vergangenen Wochen ein Schulterschluss über die Grenze hinweg sichtbar. Harrisleer, Flensburger, Handewitter und Nordschleswiger lehnten eine Lagerung des Bauschutts gemeinsam ab. Informationen wurden ausgetauscht, gemeinsam wurde demonstriert. Der Bürgermeister von Apenrade, Thomas Andresen (Venstre), kontaktierte Kiel, auch die Region Süddänemark positionierte sich gegen die Lagerung des Bauschutts.

Warum Harrislee es nicht wurde, geht aus der Mitteilung des Energieministeriums nicht hervor. Die Entscheidung gegen den anderen möglichen Standort Wiershop erklärte das Ministerium damit, dass dort bereits Bauschutt aus dem Kernkraftwerk Krümmel gelagert werde. War es die Grenznähe?

Es gab und gibt mit Sicherheit immer noch die Tendenz, Störendes oder potenziell Gefährliches oder Bedrohliches an den eigenen Rand, an eine Grenze zu schieben. Doch das Ende des Eigenen ist der Anfang des Anderen. Und der andere wird wenig darüber erbaut sein, wenn ihm ein potenzielles Risiko vor die Haustür gelegt wird. Um solchen Streit zu vermeiden, gibt es die Espoo-Konvention, eine Umweltverträglichkeitsprüfung im grenzüberschreitenden Rahmen.

Es steht aber keineswegs fest, dass Bauschutt aus einem Kernkraftwerk dann nicht doch einmal nach Harrislee kommt. Es ist ein Vorerst, Ende 2022 steht eine neue Entscheidung in Sachen Bauschutt an. Und dann gibt es da noch auf deutscher Seite die immer noch ungeklärte Frage des Atommüll-Endlagers. Sonderburgs Bürgermeister Erik Lauritzen hat ein wichtiges Argument gegen ein mögliches Endlager in Grenznähe bei Satrup in Angeln, Schleswig-Holstein, angeführt: Dänemark habe sich früh gegen die Nutzung der Atomkraft entschieden.

Ein Endlager in unmittelbarer Nähe ist für ihn und die Region Süddänemark nicht tragbar. Gerecht gegenüber dem dänischen Nachbarn wäre ein Endlager im nördlichen Schleswig-Holstein nicht, auch wenn klar ist, dass der strahlende Müll der Bundesrepublik irgendwo in einem Endlager verschwinden muss. Vermutlich will keine Gemeinde ihn haben, das Grenzland hätte aber ein gutes Argument gegen ein Endlager.

Da hätte die Grenze dann mal etwas Positives.

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