Leitartikel

„Coole Polarpolitik“

Coole Polarpolitik

Coole Polarpolitik

Apenrade/Aabenraa
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Es ist ein delikates Spiel, den Grönländern einerseits mehr Unabhängigkeit zuzusichern und sie andererseits mit Subventionen und Investitionen an sich zu binden, meint Cornelius von Tiedemann.

Wann immer amerikanische Präsidenten auch nur erwägen, einen Fuß auf dänischen Boden zu setzen, ist die Aufregung im kleinen Dänemark groß. Der coole Cousin aus den Staaten kommt! Mit dem kann man gut angeben bei den Freunden – und vielleicht bringt er ja auch irgendetwas Tolles mit aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten!

Die Ankündigung Donald Trumps, Polen besuchen zu wollen und vielleicht auch beim Nato-Alliierten Dänemark vorbeizuschauen, hat hierzulande allerdings eher Reaktionen ausgelöst, die sonst die Ankündigung des sprichwörtlichen Schwiegermutterbesuchs hervorruft.

Man ist zwar Familie, aber da hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf. Und besonders belastet die Beziehung, dass die Schwiegermutter (der Trump) sich ständig in alles Mögliche einmischen will. Im Falle Dänemarks ist das natürlich die Verteidigungspolitik, in finanzieller Hinsicht, in Sachen Nato-Engagement insgesamt und konkret in Afghanistan, Syrien und so weiter.

Aber dieses Mal geht es Trump um viel mehr. Denn, was wir oft vergessen, Dänemarks Staatsgebiet liegt, solange Grönland noch nicht endgültig losgelöst und Kopenhagen die Außenpolitik für Kalaallit Nunaat macht, nicht nur in Europa – sondern auch in Nordamerika. Und zwar in der geostrategisch äußerst interessanten Nordpolarregion.

Erst im Mai hat die Trump-Regierung angekündigt, nach 66 Jahren wieder eine diplomatische Vertretung in Nuuk eröffnen zu wollen. Die größte Insel der Welt, die sich (noch) zum größten Teil unter Eis versteckt, soll möglichst dicht an den USA gehalten werden. Andere Mächte wie China und Russland schicken sich seit vielen Jahren an, die Nordpolarregion zu erobern – nicht militärisch, sondern wirtschaftlich und auf diplomatischem Wege, wohlgemerkt.

Sie und die Amerikaner wissen, dass das Eis auf und um Grönland immer schneller schmilzt. Dadurch wird der Zugang zu Rohstoffvorkommen erleichtert. Seltene Erden und Uran soll es dort zu gewinnen geben. Und im Nordpolarmeer auch Öl. China investiert bereits, chinesische Staatskonzerne haben sich zahlreiche Bergbaurechte gesichert. Akut interessant ist aber auch: Es werden Routen für die Seefahrt frei, Abkürzungen zwischen den Kontinenten, die früher nicht fahrbar waren.

Auf dem letzten Gipfel des Arktischen Rates im Mai gab es übrigens erstmals seit Bestehen keine gemeinsame Schlusserklärung. Die USA wollten nicht, dass in dem Papier vor den Folgen der Klimakatastrophe für die Arktis gewarnt wurde. Schließlich, so Außenminister Pompeo, sei es doch positiv, wenn neue Handels- und Passagierschifffahrtsrouten entstehen würden. Profitieren davon sollen aus Sicht Washingtons natürlich vornehmlich die USA und seine Alliierten – und möglichst nicht die Chinesen.

In Kopenhagen muss man sich derweil die Frage gefallen lassen, weshalb Grönland und seine strategischen und ganz physikalischen Ressourcen überhaupt zum Spielball werden konnten – und weshalb Dänemark nicht der große Investor in die – unabhängige – grönländische Zukunft ist.

Erst spät reagierte etwa Ex-Regierungschef Lars Løkke Rasmussen (Venstre) auf Drängen Washingtons, als er im vergangenen September Geld für den Flughafenausbau in Nuuk locker machte – und so noch mehr chinesischen Einfluss verhinderte.

Es ist naturgemäß ein delikates Spiel, den Grönländern einerseits mehr Unabhängigkeit zuzusichern und sie andererseits mit Subventionen und Investitionen an sich zu binden. Doch will Kopenhagen seinen weltpolitischen Einfluss und das außerordentlich enge Verhältnis zu den bald vielleicht ja wieder „coolen“ USA nicht riskieren, ist das der einzige Weg.

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