Diese Woche in Kopenhagen

„Trump und Kalaallit Nunaat“

Trump und Kalaallit Nunaat

Trump und Kalaallit Nunaat

Jan Diedrichsen
Jan Diedrichsen Sekretariatsleiter Kopenhagen
Kopenhagen
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US-Präsident Donald Trumps Kaufinteresse an Grönland hat weltweit für Aufsehen, Spott und Entsetzen gesorgt. Vielleicht hat die Aufregung aber auch etwas Gutes, findet der Leiter des Kopenhagener Sekretariats der deutschen Minderheit in Dänemark, Jan Diedrichsen.

Es kann ausgeschlossen werden, dass Trump schon mal von Kalaallit Nunaat gehört hat. Das ist der grönländische Name der größten Insel der Welt. Die Insel, die Trump am liebsten kaufen würde. Kalaalist, so nennt sich die rund 60.000 Menschen umfassende indigene Bevölkerung Grönlands.


Der amerikanische Präsident hat am vergangenen Donnerstag mit seinem Kaufinteresse, welches vom Wall Street Journal öffentlich gemacht wurde, für einen seiner berühmt-berüchtigten Social-Media-Stürme gesorgt. Die Presse war zwischen süffisanten Spott und Verärgerung hin und her gerissen. Die dänische Regierung hielt sich zurück, kommt der schwierige Gast doch in einigen Wochen zum Staatsbesuch nach Kopenhagen.


Doch die Tatsache, dass sich alle Blicke nach Kopenhagen richteten (die dänische Tageszeitung Politiken schlug witzelnd vor, man könne ja Grönland mit Manhattan tauschen), ist als Botschaft an sich schon bezeichnend. Grönland gehört zwar zur dänischen Reichsgemeinschaft (rigsfœlleskabet), ist aber de jure für die meisten Belange selbstverwaltend verantwortlich. Ohne eine Zustimmung der indigenen Bevölkerung und der gewählten Selbstverwaltung würde diese Idee erst gar nicht (völkerrechtlich) in Betracht kommen.

Dennoch wird Grönland häufig wie selbstverständlich als „Besitz“ Dänemarks wahrgenommen. An den Reaktionsmustern aus Presse und Politik lassen sich durchaus (unbewusste) koloniale Reaktionsmuster ablesen. Mit Blick auf die desaströse Politik der Trump-Administration in Alaska und die katastrophalen Auswirkungen auf die indigene Bevölkerung dort wirkt jeder Gedanke von direkter amerikanischer Entscheidungsmacht auf die Belange Grönlands erschreckend.


Ein Blick auf die Landkarte reicht, um die enorme geopolitische Bedeutung der Region zu erfassen. Grönland ist das europäische Tor zur Arktis: Die Arktis, also das Gebiet zwischen Polarkreis und Nordpol, liegt an der Schnittstelle dreier Weltregionen: Nordamerika, Russland und Europa. Die Insel ist seit dem 2. Weltkrieg für die Amerikaner von besonderem militärischen Interesse. So gibt es auch nach der Aufgabe der Thule-Basis – vor allem mit Blick auf die interkontinentale Raketenabwehr – starke US-amerikanische Interessen. Auch China mischt immer stärker mit. Es bedurfte undiplomatischer Einmischung der Regierung in Kopenhagen (der Druck aus Washington war enorm), damit der bereits durch die grönländische Selbstverwaltung an eine chinesische Firma in Auftrag gegebene Ausbau des Hafens in Nuuk, wieder rückgängig gemacht wurde.


Nicht zu vergessen sind die Bodenschätze, die durch den Klimawandel zugänglicher werden. Sollte der Nordpol im Zuge des Klimawandels eisfrei und eine direkte Durchquerung des Arktischen Ozeans möglich werden, dann wäre Grönland – so die Überlegung der Strategen – der ideale Standort für den Ausbau einer arktischen Infrastruktur. Im Rennen um den Nordpol, dass sich seit einigen Jahren anbahnt, werden Grönland neben Kanada und Russland die besten Chancen auf Anerkennung erweiterter Gebietsansprüche im Arktischen Ozean eingeräumt, sofern völkerrechtliche Maßstäbe angesetzt werden.


Möglicherweise hat die typisch-überhebliche Kauf-Äußerung Trumps doch ihr Gutes: Vielleicht werden der politische Dialog und das Nachdenken über die Zukunft Grönlands sowie das damit verbundene Schicksal der indigenen Bevölkerung zum Thema. Das Selbstbestimmungsrecht der indigenen Bevölkerung muss gewahrt bleiben, und die teilweise unrühmliche koloniale Vergangenheit Dänemarks, die bis in die Gegenwart ihre Schatten wirft, ist ein Kapitel, welches noch seiner endgültigen Aufarbeitung harrt.

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