Standpunkt

„Ein merkwürdiges, aber auch denkwürdiges Jahr“

Ein merkwürdiges, aber auch denkwürdiges Jahr

Ein merkwürdiges, aber auch denkwürdiges Jahr

Hinrich Jürgensen
Apenrade/Aabenraa
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Der Hauptvorsitzende des Bundes Deutscher Nordschleswiger, Hinrich Jürgensen, blickt auf das vergangene Jahr 2020 zurück.

2020 wollten wir groß feiern. Vor allem den 100. Geburtstag der deutschen Minderheit, aber auch den 75. des Bundes Deutscher Nordschleswiger.

Auch wenn es anders gekommen ist: Beide Geburtstage gehören zusammen.

Der 100. Minderheitengeburtstag verbindet uns mit Volksabstimmung, Grenzverschiebung und Teilung Schleswigs, die damals nicht akzeptiert wurden, und damit entscheidend beitrugen zur Hinwendung der Minderheit zum Nationalsozialismus. Der 75. Jahrestag der BDN-Gründung weist auf den demokratischen Neuanfang der Minderheit 1945 mit Loyalitätserklärung und Anerkennung der Grenze hin.

Für uns war es von Anfang an wichtig, 2020 zu unterstreichen, dass es nicht nur um die „genforening“ geht, sondern eine ganze Reihe von Jubiläen begangen würden: so hat Schleswig-Holstein den Fokus auf die Volksabstimmung und friedliche Grenzverschiebung gelegt, während wir und die dänische Minderheit unseren 100. Geburtstag betont haben. Trotz der vielen Absagen hat es viele Medienbericht gegeben, in denen ausgewogen über diese Jubiläen berichtet wurde. Gefreut habe ich mich auch über den Satz auf Deutsch von Staatsministerin Mette Frederiksen, den sie am 16. Juni auf Düppel gesagt hat: „Auch ihr gehört zu Dänemark“. Das war eine schöne Anerkennung. Das gilt genauso für den Schleswig-Holsteinischen Bürger- und Demokratiepreis, den wir zusammen mit der dänischen Minderheit für unsere friedensstiftende Rolle erhalten haben.

Eine schöne Feier konnten wir – wenn auch unter Einhaltung der Coronaregeln – durchführen: die Einweihung des Museums. Mit dem Museum haben wir im Jubiläumsjahr einen Leuchtturm für die Minderheit erhalten, der weit über die Grenzen der Region hinaus strahlt. Das Projekt zeigt vor allem auch, dass uns unsere Geschichte wichtig ist, dass wir dazu stehen, uns aber auch nicht verstecken müssen. Ich freue mich über den gelungenen An- und Umbau, aber noch wichtiger ist der Inhalt. Mit „Identität“ als Umdrehungspunkt haben wir einen Ansatz gefunden, unsere Geschichte auf moderne Weise zu vermitteln.

Trotz aller negativer Schlagzeilen können wir uns als Minderheit darüber freuen, dass wir 2020 finanziell relativ gut über die Runden gekommen sind. Durch stabile Zuschüsse aus Berlin, Kiel und Kopenhagen gibt es auf den meisten Gebieten keine bedeutenden Einbußen. Ausnahmen sind die Einrichtungen, die von den vielen Gästen aus Nordschleswig und Schleswig-Holstein leben, insbesondere die Bildungsstätte Knivsberg und das Haus Quickborn.

Auch für die kommenden Jahren sieht es insgesamt vernünftig aus. Dank der guten Arbeit unserer Freunde in Berlin erhalten wir auch 2021 weiterhin gut 800.000 Euro für wichtige Bauprojekte, wobei zurzeit die Kindergärten an der Reihe sind: nach Broacker nun Lügumkloster und dann Gravenstein. Planungssicherheit gibt uns der neue Vierjahresvertrag, den wir mit dem Land Schleswig-Holstein abgeschlossen haben und im November mit Ministerpräsident Daniel Günther unterschreiben konnten.

2020 konnten wir auch unsere Bewerbung über die Anerkennung des Zusammenlebens im Grenzland an die UNESCO in Paris schicken. Bisher läuft der Prozess glatt, und ich bin gespannt wie die Entscheidung der Experten ausfällt, wenn wir auch bis Ende 2021 darauf warten müssen.

Für 2021 freuen wir uns vor allem auf eine hoffentlich bald wiederkehrende Normalität. Für uns wird das Jahr auf alle Fälle von der Kommunalwahl im November geprägt werden, wofür wir auf eine breite Unterstützung angewiesen sind.

Ich wünsche allen ein erfolgreiches und gesundes neues Jahr!

Hinrich Jürgensen
Hauptvorsitzender des Bundes Deutscher Nordschleswiger

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