Geschichte

Weiße Flecken der Teilung

Alexander Steenbeck/shz
Schlagsdorf
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Die Dauerausstellung des Grenzhus Schlagsdorf Foto: Grenzhus Schlagsdorf

Im „Grenzhus“ in Schlagsdorf gingen Experten jetzt daran, weiße Flecken der jüngeren deutschen Geschichte auszumachen.

Wachtürme, Streckmetallzäune, Minen: Das Bild der DDR-Grenzanlagen ist meist vom Blick aus Westdeutschland geprägt. Doch wie verhält es sich mit den Menschen, die im DDR-Grenzgebiet wohnten und arbeiteten?
30 Jahre nach der Grenzöffnung sind immer noch nicht alle Fragen beantwortet. Im „Grenzhus“ in Schlagsdorf – unweit des Ratzeburger Sees – gingen Experten jetzt daran, mit rund 20 Interessierten weiße Flecken der jüngeren deutschen Geschichte auszumachen.

Im Fokus der Forschungswerkstatt „DDR-Staatssicherheit und Grenzsicherung“ stand der Einfluss des ostdeutschen Geheimdienstes auf die DDR-Grenztruppen, das Sperrgebiet zu Westdeutschland und den Menschen östlich von Lübeck. Die Staatssicherheit spielte im System der DDR-Grenzsicherung eine wichtige und zuletzt eine alles überwachende Rolle. Doch die Entwicklung dahin ist gerade auf der regionalen Ebene und im konkreten Zusammenspiel der Kräfte bisher nur ungenügend aufgearbeitet. „Unser Bild des MfS konzentriert sich auf die 70er und 80er Jahre“, sagte Dr. Andreas Wagner, Leiter des „Grenzhus“. Es sei ein sehr statisches Bild, das nicht für die gesamte DDR-Zeit gelte. Die Frage, warum es zu der „gewaltigen Ausdehnung“ der Arbeit des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) gekommen ist, müsse gestellt werden.

Arbeitsabläufe, Zuständigkeiten und Kooperationen zur Grenzsicherung seien noch nicht ausreichend erarbeitet. Und hierbei lenkte Wagner den Blick auch auf die Rolle der SED und der Volkspolizei. „Jeder spielte seine eigene Rolle, es gab Interaktionen von Beherrschten und Beherrschern“, sagte Wagner. Stephan Wolf, Sachgebietsleiter bei der Stasi-Unterlagen-Behörde, zeigte auf, dass „die Sicherheit der Grenze eine große Rolle gespielt“ hat. Wichtig sei es zu hinterfragen, wo es eigenständiges Arbeiten des Geheimdienstes und wo eine Zusammenarbeit mit Grenztruppen, Volkspolizei und Bevölkerung gegeben habe. „Es durfte keine Lücken geben“, rief Wolf den Teilnehmern – die Gäste kamen überwiegend aus den alten Bundesländern – in Erinnerung.

Historikerin Dr. Sandra Pingel-Schliemann wies darauf hin, dass die Unterwanderung des Westgrenzgebiets bislang unerforscht sei. Wer und wie viele „Wessis“ für den Osten spionierten, wird aber weitgehend ungeklärt bleiben – die Akten fehlen schlichtweg dafür.

Nach den Opfern von Grenze und Flucht müsse man sich fast 30 Jahre nach dem Ende der DDR auch den Tätern zuwenden, so Wagner. Aber: „Wie kann man heute darüber reden, ohne jemanden an den Pranger zu stellen“, fragte der Museumsleiter. Mit Blick auf das Ausstellungskonzept des „Grenzhus“ solle die Einbindung der Bevölkerung in die Grenzsicherung auch ein Thema sein. Doch wie bereits die Herkunft der Zuhörer deutlich machte: Die Vermittlung der Grenzgeschichte mag für Menschen, deren Heimat entlang der Demarkationslinie lag, noch einfach sein. Doch wie verhält es sich mit Menschen beispielsweise aus dem Saarland? Diese hatten und haben oftmals keinen direkten Bezug zur DDR. Und dieser Part trifft auch für die heutigen Schülergenerationen zu. Die Wissensvermittlung über die Grenzgeschichte bleibt also spannend – ungeachtet weißer Flecken.

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