Bilder abgehängt

Gemälde von Emil Nolde zu brisant fürs Kanzleramt

Gemälde von Emil Nolde zu brisant fürs Kanzleramt

Gemälde von Emil Nolde zu brisant fürs Kanzleramt

Berlin
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Bundeskanzlerin Angela Merkel Foto: dpa

Angela Merkel lässt Bilder des Malers entfernen – bevor eine neue Ausstellung die Haltung des Künstlers zum NS-Regime thematisiert.

Sie sei „eine große Freundin der Kunst von Emil Nolde“, hat Angela Merkel mehrfach in Interviews verraten. Immer wieder wird sie als Besucherin von Nolde-Ausstellungen im ganzen Land gesehen. Die Wände in ihrem Amtszimmer schmückten zwei Nolde-Gemälde – bis jetzt. Denn am Donnerstag bestätigte das Bundespresseamt in einer etwas verklausulierten Mitteilung, dass Merkel die Gemälde „Brecher“ von 1935 und „Blumengarten“ von 1915 an die Eigentümerin, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, zurückgibt. Die Kanzlerin komme damit einer Bitte der Stiftung nach.

Es sei geplant, eines der Bilder in der großen Nolde-Ausstellung zu zeigen, die in einer Woche im Berliner „Hamburger Bahnhof“ zu sehen ist. Danach werden die Bilder nicht ins Bundeskanzleramt zurückkehren. Zu den Hintergründen dieser Entscheidung äußert sich das Bundespresseamt nicht. Der Zusammenhang liegt aber auf der Hand.

Die Berliner Ausstellung thematisiert Noldes Verhältnis zum Nationalsozialismus, und im Vorfeld haben Kunsthistoriker die Frage aufgeworfen, ob Nolde-Werke ins Amtszimmer einer deutschen Regierungschefin gehören. „Man muss sich schon fragen, ob das der Künstler ist, der Deutschland im Jahr 2019 repräsentiert“, sagte Felix Krämer, Generaldirektor des Düsseldorfer Museums Kunstpalast, in einem Interview mit dem Deutschlandfunk.

Diese beiden Gemälde zierten bislang die Wände von Angela Merkels Amtszimmer. „Brecher“ von 1935 (li.) und „Blumengarten“ von 1915. Foto: Jörg P. Anders/bpk/Nationalgalerie, SMB/Stiftung Seebüll Ada und Emil Nolde

Noldes ambivalentes Verhältnis zum Nationalsozialismus

1941 belegte das NS-Regime Nolde mit einem Berufsverbot. Viele seine Gemälde wurden als „entartet“ eingestuft. Vor diesem Hintergrund entstand nach dem Zweiten Weltkrieg der Mythos von Nolde als Gegner des NS-Regimes. Der Künstler selbst wehrte sich bis zu seinem Tode 1956 nicht gegen dieses Bild. Als 1968 Siegfried Lenz seinen Roman „Deutschstunde“ veröffentlichte, verstärkte sich der Mythos noch.

Dass die Wahrheit anders aussah, hatte die Öffentlichkeit dabei bereits ein Jahr zuvor erfahren, als Walter Jens als Festredner zu Noldes 100. Geburtstag dessen ambivalentes Verhältnis zum Nationalsozialismus hervorhob. Gleichzeitig nahm die Nolde-Stiftung in Seebüll diese Rede aber auch lange als Legitimation, Nolde gewissermaßen vor sich selbst zu schützen und eine weitergehende Aufarbeitung zu behindern, wie der heutige Direktor der Stiftung, Christian Ring, einräumt. Dabei sind zahlreiche antisemitische Äußerungen von Nolde überliefert, auch in seiner 1934 erschienenen Autobiografie „Jahre der Kämpfe“, die er nach 1945 überarbeitete.

Persönliche Entscheidung der Kanzlerin

Ring hat das Archiv der Stiftung inzwischen für kritische Forschung komplett geöffnet und auch an der Berliner Ausstellung mitgewirkt.

Auf die Nachricht aus dem Bundeskanzleramt reagiert Ring „relativ emotionslos“. Welche Bilder sie in ihrem Amtszimmer hängen haben möchte, sei „letztlich eine persönliche Entscheidung der Kanzlerin, die ihr selbst überlassen bleiben muss“. Allerdings stellt er auch eine grundsätzliche Frage: Was ist mit dem großformatigen Ölgemälde von Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938) im Kabinettssaal der Bundesregierung? Muss das nun auch weg – vor dem Hintergrund seiner persönlichen Verfehlungen? Der Expressionist diente sich zwar nie den Nazis an, steht aber seit einigen Jahren im Verdacht, pädophile Neigungen gehabt zu haben.

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