Astrazeneca und die EU

In Brüssel eskaliert der Streit um den Corona-Impfstoff

In Brüssel eskaliert der Streit um den Corona-Impfstoff

In Brüssel eskaliert der Streit um den Corona-Impfstoff

Detlef Drewes/shz.de
Brüssel
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„Das ist nicht akzeptabel“: Sichtlich bedient ist EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides von der Aussage des Astrazeneca-Chefs Pascal Soriot. Foto: AFP/Oliver Hoslet

Biontech will unterdessen der EU mehr von seinem Produkt liefern als eigentlich geplant.

Der Streit zwischen dem britisch-schwedischen Impfstoff-Hersteller Astrazeneca und der Europäischen Kommission ist Mittwoch weiter eskaliert. Ein für den Abend geplantes Spitzengespräch zwischen dem Pharmariesen und der EU-Kommission sowie Vertretern der Mitgliedsstaaten sagte das Unternehmen zunächst ab, eine Stunde später dann wieder zu.

Weniger Impfdosen als zugesagt

Zuvor hatte der Konzern angekündigt, seine Lieferungen an die 27 Mitgliedsstaaten bereits am 7. Februar zu beginnen – eine Woche früher als bisher geplant. Und außerdem soll es, wie das Brüsseler Büro des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlages erfuhr, nicht nur eine, sondern drei Teillieferungen im Februar geben. Allerdings wird es wohl trotzdem bei der Kürzung des Impfstoff-Kontingents für die EU von 80 auf 31 Millionen Impfdosen im ersten Quartal 2021 bleiben. Mehr noch: Der Versuch von Astrazeneca-Chef Pascal Soriot, in einem Interview mit zwei europäischen Zeitungen die Wogen zu glätten, scheiterte komplett. Aus Brüssel hieß es zu seinen Aussagen nur brüsk: „Das reicht nicht.“

Schuldzuweisungen

Tatsächlich hatte der Konzernchef die Schuld für die Probleme der EU zugeschoben, die drei Monate später als Großbritannien den Kaufvertrag mit Astrazeneca unterschrieben habe. Es gebe auch keine Klausel, die sein Unternehmen verpflichte, Impfdosen auf Halde zu produzieren, um am Tag der Zulassung eine bestimmte Menge an Ampullen ausliefern zu können. „Wir haben zugesagt, es zu versuchen, uns aber nicht vertraglich verpflichtet“, so Pascal Soriot, Astrazeneca-Chef.

Geld nur gegen Impfdosen

EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides antwortete kurz und bündig: „Das ist falsch und nicht akzeptabel.“ Und sie bekräftigte am Mittwoch das genaue Gegenteil: Astrazeneca habe eine Zusage über 336 Millionen Euro für die Forschung und die Sicherung der Produktion erhalten. Das Geld soll in verschiedenen Raten ausgezahlt werden, vollständig ausgezahlt ist es noch nicht. Brüssel könnte Teilbeträge zurückhalten. Dies sei mit dem Versprechen zur Bereitstellung der Impfdosen verknüpft gewesen.

Der Blick nach Großbritannien

Besonders verärgert sind Brüsseler EU-Abgeordnete darüber, dass Großbritannien und andere Nicht-EU-Länder offenbar weiterhin ungekürzte Mengen erhalten. Sollte Astrazeneca damit beginnen, Impfstofflieferungen aus den beiden britischen Werken umzuleiten, könnte dies wiederum das Versprechen des britischen Premierministers Boris Johnson gefährden, bis Mitte Februar 15 Millionen Briten impfen zu lassen. „Astrazeneca hat sich zu zwei Millionen Dosen pro Woche hier im Vereinigten Königreich verpflichtet“, sagte Johnsons Sprecher. „Und wir erwarten, dass Verträge eingehalten werden.“

Viele Fragen – schwammige Antworten

Wie groß die Aufregung in Brüssel wirklich ist, kann man in diesen Tagen daran ablesen, dass die Chefs der zuständigen EU-Agenturen vor die Mikrofone traten, um die Korrespondenten aus den Mitgliedsstaaten zu informieren. Emer Cooke, Direktorin der Europäischen Arzneimittelagentur in Amsterdam, hatte dabei nur wenige Antworten. Wann kommen Impfstoffe für Schwangere und Kinder? „Es müssen noch weitere Untersuchungen unternommen werden.“ Können Geimpfte das Virus weitergeben? „Die Studien dazu liegen noch nicht vor.“

Aus Kreisen der EU-Agentur zur Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) im schwedischen Solna hieß es am Mittwoch, man sei „optimistisch“, dass die vorhandenen Vakzine bei den Mutanten aus Großbritannien, Südafrika und Brasilien wirksam seien.

Bei älteren Menschen weniger wirksam?

Und noch eine Frage blieb bei allen Experten, die die EU in den vergangenen Tagen auffuhr, auf seltsame Weise unbeantwortet: Könnte es doch sein, dass der Astrazeneca-Impfstoff bei älteren Menschen über 65 weniger wirksam ist? „Bei den Studien, die durchgeführt worden sind, gab es nur sehr, sehr wenige ältere Menschen, die teilgenommen haben“, zog sich EMA-Chefin Cooke aus der Affäre, um dann über die Möglichkeiten, die dem Zulassungsausschuss bleiben, zu referieren.

Eine begrenzte Zulassung nur für bestimmte Altersgruppen sei ebenso möglich wie eine Vertagung der Entscheidung am Freitag. Es gingen schließlich immer noch neue Daten vom Hersteller ein. Ein mit dem Zulassungsverfahren vertrauter Experte der EMA wollte sich Mittwoch ebenfalls nicht festlegen und bat inständig um Geduld, das Urteil der Behörde über das Astrazeneca-Vakzin am Freitag abzuwarten.

Werk geräumt

Wegen eines verdächtigen Päckchens wurde unterdessen ein an der Herstellung von Corona-Impfstoffen beteiligtes Werk in Wales teilweise geräumt. Es gebe einen laufenden Einsatz in der Produktionsstätte in Wrexham im Norden von Wales, teilte die britische Polizei Mittwoch mit. Die Zufahrtsstraßen seien gesperrt worden, und die Öffentlichkeit sei aufgerufen, das Gebiet zu meiden. Das Pharma-Unternehmen Wockhardt ist an der Herstellung des Corona-Impfstoffs von Astrazeneca beteiligt.

Wockhardt teilte im Onlinedienst Twitter mit, seine Fabrik sei wegen Polizeiermittlungen teilweise evakuiert worden. Zuvor habe das Unternehmen ein „verdächtiges Päckchen“ erhalten. Örtlichen Medien zufolge wurde ein Sprengstoff-Expertenteam mit einem Entschärfungsroboter auf das Fabrikgelände geschickt.

Biontech will mehr liefern

Der deutsche Impfstoffhersteller Biontech will unterdessen der EU möglichst mehr von seinem Produkt liefern als eigentlich geplant. „Natürlich arbeiten wir daran, die Lieferverringerung bei den Ampullen auch wieder auszugleichen und im ersten Quartal sogar mehr als 100 Prozent der Dosen zu liefern“, sagte Finanzvorstand Sierk Poetting der „Stuttgarter Zeitung“ und den „Stuttgarter Nachrichten“.

Wegen Umbaumaßnahmen in einem belgischen Werk liefern Biontech und US-Partner Pfizer derzeit weniger Impfstoff an die EU als vorgesehen. Die Gesamtmenge der Lieferungen im ersten Quartal soll aber gleichbleiben. Poetting bekräftigte im Gespräch mit den Zeitungen das Ziel, „alle der EU zugesagten Impfstoffdosen auszuliefern und gleichzeitig die Produktionskapazitäten auszubauen“. Biontech tue „alles, um die EU bestmöglich zu versorgen“.

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