Leitartikel

„Stigmatisierungsliste: In einer Woche fällt wieder der Hammer“

Stigmatisierungsliste: In einer Woche fällt wieder der Hammer

Stigmatisierungsliste: In einer Woche fällt der Hammer

Apenrade/Aabenraa
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Wer seine Ausbildung nicht in Dänemark gemacht hat, läuft Gefahr, seine Nachbarschaft zum „Ghetto“ zu machen. Für Cornelius von Tiedemann ein weiterer Grund, die sogenannten „Ghettolisten“ in die politische Mottenkiste zu verbannen.

In Dänemark müssen Wohngebiete unter anderem einen Anteil von mehr als 40 Prozent an Bewohnern haben, die eine anerkannte Ausbildung haben, um nicht als „Ghetto“ abgestempelt werden zu können.

Fakt ist laut der gewerkschaftsnahen Denkfabrik Arbejderbevægelsens Erhvervsråd (AE) jedoch: Im Ausland erworbene und in Dänemark grundsätzlich anerkannte Ausbildungen der Bewohnerinnen und Bewohner der sogenannten „Ghettos“ werden bei der Berechnung – entgegen anderslautender Darstellung des Ministeriums für Wohnungsbau – schlicht ignoriert. Und dadurch erfüllen so ziemlich alle im „nichtwestlichen“ Ausland ausgebildeten Menschen die „Ghetto“-Kriterien.

Abgesehen davon, wie fragwürdig die „Ghettoliste“ und alle damit einhergehenden, teils zutiefst diskriminierenden Kriterien und Folgen von vorneherein sein mögen, so ist das schon ein ziemliches Ding. Vor allem, weil es gravierende Auswirkungen auf Tausende Menschen hat, ob sie nun in einem „Ghetto“ leben oder nicht.

Und wenn wir uns das Viertel Nørager/Søstjernevej in Sonderburg ansehen, wird deutlich, wie daneben es sein kann, mit solchen Listen vieles über einen Kamm zu scheren, was differenziert betrachtet gehört. Und damit so ganz nebenbei negative Vorurteile über bestimmte Bevölkerungsgruppen rhetorisch zu festigen. Viele Einwanderer = Ghetto, Ghetto = Kriminalität, Kriminalität = Einwanderer. Diese Logik wird mit der Liste bestens bedient.

Tatsache ist aber, dass es überhaupt keine besonders hohe Kriminalität in einem Stadtteil geben muss, damit er als „Ghetto“ abgestempelt werden kann. Es reicht zum Beispiel schon, wenn der Anteil an Einwanderern (und ihren Nachfahren!) aus den sogenannten „nichtweslichen Ländern“ mehr als die Hälfte beträgt, gleichzeitig ein großer Teil keine vom Wohnungsbauministerium anerkannte Ausbildung hat (also keine dänische), und wenn ein hoher Anteil nur über eine Grundausbildung verfügt (jedenfalls nach Definition des Ministeriums).

Das Problem: Wenn im Ausland erworbene Ausbildungen nicht mitgezählt werden, werden Einwanderer, ihre Nachfahren und ihre Nachbarn in den geltenden Kriterien gleich doppelt dafür bestraft. Weil sie erstens nicht dänischstämmig oder wenigstens „westlich“ sind und weil sie zweitens ihre Ausbildung nicht in Dänemark absolviert haben. Stempel drauf: Ghetto!

Dabei ist es zum Beispiel in Sonderburg gelungen, durch zahlreiche, auch ehrenamtlich organisierte, Initiativen, die Arbeitslosenzahl beträchtlich zu senken und viele neue Perspektiven zu schaffen. Perspektiven, die durch die Vorgabe gefährdet werden, dass in den sogenannten „harten Ghettos“ (ernsthaft?) des Landes 60 Prozent des sozialen Wohnungsbaus abgeschafft werden sollen. Denn die meisten der Initiativen ziehen nicht mit den Menschen mit, die ihr Viertel verlassen müssen.

Im Fall Sonderburgs ist der Anteil der Vorbestraften deutlich niedriger als die Kriterien es vorsehen. Dort sind es auch und besonders Bewohnerinnen und Bewohner, die frühverrentet sind, die die Einkommens- und Beschäftigungsstatistik in Richtung „Ghetto“ lenken.

Und nun rechnet der Verband Almen Bolig auch noch vor, dass 70 Prozent der Viertel von der „Ghettoliste“ gestrichen werden müssten, wenn die im Ausland erworbenen Ausbildungen mitgerechnet werden würden.

Dass bestimmte Wohngebiete besondere politische Aufmerksamkeit erhalten, damit die Lebensqualität und das Sicherheitsgefühl der Menschen dort verbessert, die sozialen Chancen der Kinder und Jugendlichen angehoben werden, ist ja durchaus lobenswert.

Doch warum muss dies mit einer derart negativ konnotierten, in weiten Teilen spalterischen und, wenn wir den Aussagen von AE Glauben schenken dürfen, auf Vortäuschung falscher Tatsachen beruhenden Politik geschehen?

Davon, dass die Regierung ihre Berechnungen ändert oder die unsäglichen Listen abschafft, ist kurzfristig nicht auszugehen.

Am 1. Dezember fällt dann wieder der Hammer: Wer muss sich das kommende Jahr lang (weiterhin) als Ghetto beschimpfen lassen?

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