Leitartikel

„Luft anhalten“

Luft anhalten

Luft anhalten

Nordschleswig/Sønderjylland
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Die staatlichen Corona-Hilfspakete neigen sich dem Ende zu, und damit riskieren Arbeitnehmer, ihren Job zu verlieren, während einige Unternehmen vor dem Aus stehen. Die Übergangsphase zwischen Pandemie und Normalität erweist sich als schwierig, schreibt Chefredakteur Gwyn Nissen.

Aufatmen auf der einen Seite. Haareraufen auf der anderen. Und mittendrin eine Regierung, die die Luft anhält, in der Hoffnung, dass das Coronavirus sich in Luft auflöst und die Gesellschaft zur Normalität zurückkehren kann.

Es geht um die Hilfspakete des Staates in Verbindung mit der Corona-Pandemie. Milliarden sind schon in die notleidende Wirtschaft, in Arbeitnehmer und Kultur gesteckt worden, doch die staatlichen Hilfen neigen sich dem Ende zu. Die Zeit sei nun die richtige, meint Staatsministerin Mette Frederiksen (Soz.). Das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben nehme wieder Fahrt auf.

Aber sicherlich ist die Zeit auch richtig, weil die Staatskasse nicht unendlich Geld auszahlen kann. Daher wurden wichtige Hilfspakete am Freitag nicht mehr verlängert, und nur dort, wo eine Zwangsschließung angeordnet ist, greift der Staat weiterhin den Unternehmern unter die Arme – zum Beispiel im Nacht- und Kulturleben. Aber auch nur bis Jahresende.

Dagegen ist die Lohnfortzahlung durch den Staat in allen anderen Branchen eingestellt. Nun müssen die Arbeitgeber aus eigener Kraft überleben – oder die Mitarbeiter in die Arbeitslosigkeit schicken.

Es sei bisher besser gelaufen als befürchtet, meint die Staatsministerin, aber sie weiß auch, dass sich die Arbeitslosen dafür nichts kaufen können. Aus diesem Grund hält die Regierung die Luft an, denn eine umfassende Entlassungs- und Konkurswelle wäre für die Beliebtheit der sozialdemokratischen Regierung ein herber Rückschlag.

In einer internationalen Studie hat Dänemark gerade mit Spitzennoten abgeschlossen: 95 Prozent der Bürger sind der Meinung, dass die dänische Regierung die Corona-Krise gut gehandhabt hat. Außerdem sind die Sozialdemokraten in Meinungsumfragen mit Spitzenwerten belohnt worden. Die Regierung ist mit anderen Worten unantastbar.

Mette Frederiksen und ihre Mannschaft haben das Land sicher in und durch die Corona-Krise gesteuert, aber der Weg raus war weitaus schwieriger – und noch sind wir das Coronavirus nicht los. Es muss so einiges weiterhin richtig gemacht werden, bevor das Jahreszeugnis verteilt werden kann.

Die Zeichen stehen jedoch gut: Die Ausbreitung des Virus ist in Dänemark wieder unter Kontrolle, viele Branchen haben sich wieder erholt (zum Beispiel wird der Kopenhagener Flughafen nicht so viele Mitarbeiter entlassen wie geplant) und die Bürger geben wieder Geld aus.

Gute Voraussetzungen also dafür, dass die Regierung „alles richtig“ gemacht hat. Dazu kommt vielleicht sogar Hilfe vom Arbeitsmarkt, wo gerade über Kurzarbeit verhandelt wird. Während in Krisen in Deutschland oft von Kurzarbeit Gebrauch gemacht wird, hält Dänemark sich an sein „dänisches Modell“ mit einem gegenseitigen flexiblen Arbeitsmarkt, in dem sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber sich schnell einer neuen Lage anpassen können. Eine Absprache über Kurzarbeit würde aber verhindern, dass Tausende von Mitarbeitern coronabedingt entlassen werden.

Über ein wenig künstliche Beatmung, während das Coronavirus sich aus dem Staub macht, wird sich die Regierung sicherlich nicht beklagen. Danach können wir vielleicht alle wieder durchatmen.

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