Diese Woche in Kopenhagen

„Politischer Mundschutz“

Politischer Mundschutz

Politischer Mundschutz

Kopenhagen
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Ab Sonnabend gilt die Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr. Es ist ein weiteres Mal eine Entscheidung, die in erster Linie politisch begründet ist, meint Walter Turnowsky, Korrespondent in Kopenhagen.

„Mundschutz ist in Dänemark nicht nötig“, erklärte noch am 28. Juli der Direktor der Gesundheitsbehörde, Søren Brostrøm. Drei Tage später kam von eben jener Behörde die Empfehlung, im öffentlichen Verkehr während der Stoßzeiten Masken zu tragen. Am Sonnabend wird es rund um die Uhr in den Öffis sogar Pflicht.

Damit ist Dänemark eines der letzten Länder, dass die Masken im Kampf gegen das Virus einsetzt. Während die Epidemie im März und April am heftigsten war, argumentierte Brostrøm noch, ein Effekt der Masken im öffentlichen Raum sei nicht gegeben. Nun sagt er, er habe dazugelernt.

Ein derart schneller Lerneffekt innerhalb von wenigen Tagen lässt kritische Überlegungen nicht nur zu, er verpflichtet fast schon dazu.

Gewiss, es gibt mittlerweile mehrere Studien, die den Effekt des Mundschutzes belegen. Doch gleichzeitig ist festzuhalten, dass der Effekt bei den jetzigen Infektionszahlen eher bescheiden ist.

Die Gesundheitsbehörde schreibt in einem Notat, dass bei den jetzigen Infektionszahlen 50.000 Personen eine Woche lang den Mundschutz korrekt tragen müssen, um eine Infektion zu verhindern. Selbst in Aarhus, wo die Infektionszahlen momentan besonders hoch ist, müssen 10.000 Menschen die Masken eine Woche lang tragen, um einen Corona-Fall zu verhindern. Abstand und Hygiene seien weiterhin bei weitem die effektivsten Waffen gegen das Virus, mein unter anderem Virologe Thomas Benfield.

Was ist also die eigentliche Ursache dafür, dass die Maskenpflicht gerade jetzt kommt? Sicherlich spielen die im Laufe des Julis gestiegenen Infektionszahlen hier eine entscheidende Rolle.

Die Masken schützen vor allem die Regierung – und zwar vor Kritik

Doch die Antwort auf die Zahlen ist in erster Linie politische begründet. Im Laufe der Corona-Epidemie ist immer deutlicher geworden, dass eine ganze Reihe von Entscheidungen politisch begründet waren und sind. So war der weitgehende Shutdown im März eine politische Entscheidung, die mit einem „Vorsichtsprinzip“ begründet wurde. Die Schließung der Grenzen war eine politische Entscheidung, und das Festhalten an den Kontrollen ist mittlerweile vor allem politischer Aktionismus. Und so sind auch die Masken einzuordnen.

Mette Frederiksen hat angesichts der Infektionszahlen den Bedarf, erneut politische Entscheidungskraft und Handlungsbereitschaft zu zeigen. Eine erneute Schließung der Gesellschaft will sie sowohl aus wirtschaftlichen als auch gesellschaftlichen Gründen nach Möglichkeit umgehen. Und da sind die Masken eben ein deutlich sichtbares Zeichen dafür, dass etwas getan wird.

Dass nach Expertenmeinung das schnelle Aufspüren von neuen Infektionen und Quarantänen die wichtigeren Mittel sind (die auch eingesetzt werden), fällt dabei nicht ins Gewicht. Denn dies ist bei weitem nicht so sichtbar.

Eine Rolle spielen mag dabei ebenfalls, dass nun auch das bürgerliche Lager den Corona-Aktionismus für sich entdeckt hat. Von hier kam die Forderung nach Zwangsmaßnahmen gegenüber Infizierten, nachdem in Aarhus vor allem Menschen somalischer Herkunft angesteckt wurden. Die Frage muss gestattet sein, wie dies in einer Weise umgesetzt werden soll, sodass tatsächlich eine deutliche Anzahl von Ansteckungen verhindert wird.

Die Maskenpflicht wird einige Corona-Fälle verhindern. Aber die Masken schützen vor allem die Regierung – und zwar vor Kritik.

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