Diese Woche in Kopenhagen

„Neue Generationen geben den Takt an“

Neue Generationen geben den Takt an

Neue Generationen geben den Takt an

Kopenhagen
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Die Klimadebatte und #MeToo zeigen vor allem auch eines: Als Politiker (und Bürger) des alten Schlages tut man gut daran, die Anliegen jüngerer Generationen ernst zu nehmen, meint Walter Turnowsky.

Seit Jahrhunderten ist es ein beliebter Sport auf „Die Jugend von heute“ zu schimpfen. Während der Corona-Krise sind so einige in diesem nicht-edlen Sport wieder zur Höchstform aufgelaufen.

Doch wem nur allzu leicht die Sprüche über die „verantwortungslose“ Jugend über die Zunge gehen oder aus der Feder fließen, der sollte sich vielleicht die Rolle jüngerer Generationen bei zwei anderen wichtigen Themen vergegenwärtigen. Sollte einem dies schwerfallen, dann wird besagte Generation einen nachdrücklich daran erinnern, wie die jüngste und allerjüngste Geschichte zeigt.

Wenige haben wohl zunächst ein 15-jähriges schwedisches Schulmädchen sonderlich ernst genommen, als es sich nicht auf die Schulbank, sondern vor den schwedischen Reichstag setzte, um Taten gegen den Klimawandel zu fordern. Doch der Funke von Greta Thunberg sprang auf eine ganze Generation über; die Fridays-for-Future Bewegung war geboren.

Die Bewegung hat erreicht, dass die Folketingswahl 2019 vor allem zu einer Klimawahl wurde. Die Sozialdemokraten haben die Kurve vor der Wahl noch soeben gekriegt und sich dem Ziel der 70-Prozent-Reduzierung angeschlossen. Venstre nicht und hat den Staatsministerposten verloren. Die Dänische Volkspartei sprach von den Klima-Bekloppten (klimatosser) und ist kläglich eingegangen.

Gewonnen haben vor allem „Klimaparteien“ wie die Volkssozialisten (SF) und Radikale Venstre. Selbst wenn man den Einbruch bei den Alternativen berücksichtigt, so haben die grünen Parteien fünf Prozent dazugewonnen und Mette Frederiksen (Soz.) in den Staatsministersessel gehievt. Im bürgerlichen Lager haben die eher grün ausgerichteten Konservativen deutlich zugelegt.

Am 20. August nutzte eine 30-jährige TV-Moderatorin eine Preisverleihung, um über sexuelle Belästigung zu sprechen. Es gab so einige, die versuchten, die Darstellung von Sofie Linde herunterzuspielen. Fast überflüssig zu erwähnen, dass auch sie eines Besseren belehrt worden sind. Denn auch dieser Funke sprang über, und es sind vor allem wieder die Jüngeren, die fordern, dass in Fragen Sexismus nichts beim Alten bleiben soll.

Am vergangenen Sonnabend erzählte die 31-jährige Marie Gudme in „Jyllands-Posten“, der Kopenhagener OB Frank Jensen habe sie belästigt. Sie bezeichnete ihn als „Serienbelästiger“ (seriekrænker).

Jensen versuchte, durch klassisches politisches Powerplay seine Karriere zu retten. Er hatte nicht mitbekommen, dass die Uhren mittlerweile anders gehen. Hätte er hingehört, hätten die Aussagen der 21-jährigen Vorsitzenden des sozialdemokratischen Jugendverbandes DSU in Kopenhagen, Cecilie Sværke Priess, ihm dies verdeutlichen können. Der OB sei nicht mehr tragbar, sagte sie, im Widerspruch zu der politischen Logik, die noch bis vor wenigen Wochen galt, und nach der das Wohl der Partei über dem Wohl der Einzelnen stand.

Bei seiner Rücktrittpressekonferenz am Montag erweckte Jensen immer noch den Eindruck, dass er nicht so ganz verstanden hat, was ihn da genau getroffen hatte. Die Woge, die auf ihn zukam, hat er nicht kommen sehen.

Dies muss nicht das letzte „Opfer“ der Ungeduld neuer Generationen sein. Mette Frederiksen bezeichnet ihre Regierung gerne als die „grünste“ der Welt, doch zögert sie, die Klimaziele konkret umzusetzen. Die Jugend wird es ihr nicht verzeihen, sollte sie ihre Versprechen nicht einhalten.

Und selbstbewusste jüngere Generationen werden weitere wichtige Anliegen an uns, die Generation, die typisch an der Macht ist, herantragen, Verantwortungsbewusstsein von uns fordern. Wir tun gut daran, ihnen genau zuzuhören. Denn sonst werden sie uns auf die Müllhalde der Geschichte schicken.

Dass sie dazu imstande sind, haben sie bereits bewiesen.

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