Leitartikel

„Schweigen zur Impfstrategie“

Schweigen zur Impfstrategie

Schweigen zur Impfstrategie

Kopenhagen
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Während in Deutschland die Diskussion über die Impfstrategie tobt, herrscht in Dänemark das große Schweigen. Eigenartig, meint Walter Turnowsky, denn auch hier stellt sich die Frage, ob man sich nicht mehr Dosen der erfolgversprechenden Impfstoffe hätte sichern sollen.

In Deutschland haben die SPD-Länderchefs einen ganzen Fragenkatalog zur Impfstrategie an Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und das Kanzleramt geschickt. SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil kritisiert, dass die Versorgung mit Impfstoff zu langsam geschehe. Die Tageszeitung „Die Welt“ schreibt in einem Leitartikel, die Regierung habe beim Impfen versagt.

Eine entsprechende Diskussion ist in Dänemark bisher weitgehend ausgeblieben. Dabei sind die Probleme mit der Beschaffung des Impfstoffes dieselben. Sicher war es vernünftig, dass die EU in der Frage der Impfstoffe gemeinsam agiert hat. Weniger vernünftig erscheint, dass man langsamer als andere agiert.

„Der Spiegel“ berichtet, die EU habe ausgerechnet bei den Impfstoffen von Biontech/Pfizer und Moderna besonders zögerlich gehandelt und erst im November die Verträge unterschrieben. Der Biontech/Pfizer-Impfstoff bekam bekanntlich als erster vor Weihnachten die Zulassung, und der von Moderna bekommt sie vermutlich am Mittwoch.

Im Vergleich zu den kommenden Impfstoffen anderer Konzerne wurden später und vergleichsweise geringe Mengen geordert. Die USA haben von den Impfstoffen dieser beiden Firmen ungefähr die zweieinhalbfache Menge im Vergleich zur EU bestellt, und das bei einer deutlich geringeren Bevölkerungszahl.

Da muss die Frage gestellt werden, ob die EU hier an falscher Stelle gespart hat. Und diese Frage landet letztlich bei den Regierungen der Mitgliedsländer. Die deutsche Regierung muss diese Frage nun beantworten. Die dänische bislang nicht.

Dabei hat Staatsministerin Mette Frederiksen (Soz.) immer wieder betont, es gelte, Menschenleben zu retten. Täglich sterben derzeit zwischen 20 und 40 Menschen mit Corona. Daher kommt es bei den Impfungen auf jeden Tag an. Wie viele Menschen in den Risikogruppen wie schnell geimpft werden können, entscheidet darüber, wie viele Menschenleben gerettet werden können.

Haben Gesundheitsminister Magnus Heunicke und Staatsministerin Mette Frederiksen Druck auf die EU gemacht, reichlich Impfstoffe einzukaufen, auch auf die Gefahr hin, dass man zu viel und zu teuer einkauft? Die Frage muss gestattet sein. Denn im Vergleich zu den Kosten, die die Pandemie verursacht, geht es hier immer noch um Kleingeld.

In Israel hat man sich offensichtlich nur wenig darum gekümmert, wie viel die Impfungen kosten dürfen. Am Montag hatten dort 12,6 Prozent der Bevölkerung mindestens die erste Impfung erhalten. In Dänemark waren es 0,8 Prozent.

Ab Februar wollen die Gesundheitsbehörden täglich 100.000 Personen impfen, falls genug Impfstoff da ist. Die Risikogruppen sowie das Gesundheits- und Pflegepersonal machen schätzungsweise 1,5 Millionen Personen aus. Es wird also noch Monate dauern bis allein diese Gruppen die zwei erforderlichen Dosen erhalten haben.

In Israel hofft man, dies Ende Januar erreicht zu haben.

Die Versäumnisse des Herbsts können nicht rückgängig gemacht werden. Es sollte jedoch ernsthaft diskutiert werden, ob schneller mehr Impfstoff beschafft werden kann.

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