Sexismusdebatte in Grönland

„Der Zusammenhalt war unsere Stärke“

„Der Zusammenhalt war unsere Stärke“

„Der Zusammenhalt war unsere Stärke“

Nuuk/Kopenhagen
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Aki-Matilda Høegh-Dam bei der Eröffnung des Folketings 2019. Sie war maßgeblich daran beteiligt die Sexismusdebatte in Grönland anzustoßen. Foto: Martin Sylvest/Ritzau Scanpix

Bereits vor über einem halben Jahr erfasste die Sexismus-Debatte Grönland. Zehn Frauen hatten von Übergriffen berichtet, und das bereuen sie nicht.

Die grönländische Folketingsabgeordnete der sozialdemokratischen Siumut, Aki-Matilda Høegh-Dam, kann so einiges in der derzeitigen dänischen Debatte über sexuelle Belästigungen wiedererkennen.

Im Februar war sie nämlich daran beteiligt, dass das politische Leben in Grönland eine ähnliche Debatte erlebte. Gemeinsam mit neun anderen Frauen berichtete sie von Belästigungen und Übergriffen durch einen machtvollen Funktionär der eigenen Partei.

„Es war überwältigend. Doch auch wenn wir einen Preis in unserem Privatleben gezahlt haben, bereue ich es keine Sekunde. Das war es wert“, sagt sie ohne Zögern, als „Der Nordschleswiger“ sie über eine Videoverbindung in Nuuk erreicht, wo sie die Herbstferien verbringt.

Neben ihr sitzt Paninnguaq Heilmann, eine weitere der zehn Frauen. Auch für sie steht außer Frage, dass es sich ausgezahlt hat.

„Aber ich muss schon gestehen, dass es ganz schön hart war. Die Presse hat dauernd angerufen, wollte Details erfahren und fragte, warum wir ihn nicht angezeigt hätten“, schildert sie die hektischen und belastenden Wochen im Februar und März.

Brief weitergegeben

Zunächst wollten die Frauen mit dem Fall gar nicht an die Öffentlichkeit treten. Sie hatten jede einen handschriftlichen Brief verfasst, einige setzten ihren Namen darunter, andere nicht. Die Briefe hat Høegh-Dam dann gesammelt und an die Parteiführung geschickt. Diese beurlaubte den Mann, der damit reagierte zu kündigen.

Doch dann trat er von sich aus an die Öffentlichkeit, erzählte, die Partei sei ihm in den Rücken gefallen. Dies veranlasste die Frauen dazu, die Briefe dem Online-Medium „Sermitsiaq.AG“ anzuvertrauen, das Auszüge aus den Briefen veröffentlichte.

„Ich denke es war unsere Stärke, dass wir gemeinsam aufgetreten sind“, meint Høegh-Dam.

Diese Briefe haben eine intensive Debatte über Sexismus in Grönland ausgelöst. Foto: Walter Turnowsky

Denn so einige der negativen Reaktionen der dänischen Debatte kann sie durchaus wiedererkennen.

„Der Fernsehmoderatorin Sofie Linde und anderen Frauen ist vorgeworfen worden, dass sie den Namen des Mannes nicht nennen. Wir haben den Namen genannt, und dann wurde gefragt, warum wir ihn nicht angezeigt hätten. Unsere Motive wurden hinterfragt, uns wurde vorgeworfen, es gehe uns nur um einen parteiinternen Machtkampf. Ganz gleich, wie man es macht, kommen offensichtlich derartige Vorwürfe.“

Gemeinsam weinen und lachen

Gerade bei diesen Vorwürfen war das Entscheidende, dass die zehn Frauen sich gegenseitig unterstützen konnten.

„Wir haben gemeinsam geweint und gemeinsam gelacht, wir waren einfach füreinander da“, beschreibt die junge Abgeordnete die Zeit, in der sie sich bewusst in Grönland aufhielt.

Wenn die beiden, trotz der belastenden Zeit, nichts bereuen, ist der Grund der, dass die Debatte Wirkung gezeigt hat. Bereits nach relativ kurzer Zeit begann die Stimmung, zu ihren Gunsten zu kippen. Der Mut der zehn Frauen wurde gelobt, und die Diskussion griff schnell auf das gesamte politische Spektrum und die Gesellschaft über.

„Es hat sich bereits vieles in der grönländischen Gesellschaft und in der Art, Sexismus zu diskutieren, verändert, vor allem bei der jungen Generation“, weiß die in Nuuk ansässige Heilmann zu berichten.

Høegh-Dam: Dänemark könnte von Grönland lernen

Høegh-Dam hat vor allem auch ein Anliegen: „Ich möchte Frauen dazu ermutigen, auf sexuelle Belästigungen zu reagieren. Geht zu eurem Chef, eurer Gewerkschaft oder eurem Parteivorstand, lautet meine Aufforderung. Gleichzeitig ist jedoch wichtig, dass man sich keine Vorwürfe macht, wenn man nicht in einer Situation ist, wo man dies nicht schafft.“

Mit einem Bein in jedem Land, meint die Abgeordnete, dass man in Dänemark durchaus von den grönländischen Erfahrungen lernen kann.

„Durch den engen Zusammenhalt unter uns war es gleichzeitig auch ein Heilungsprozess. Wir denken in Grönland kollektiver. In Dänemark denkt man individuell, und damit steht man auch schnell alleine im Zentrum der Diskussion“, so die Politikerin.

„Dies hat uns auch die Kraft gegeben, in höherem Maße zu erklären, was die Übergriffe in uns auslösten, welche Folgen sie für uns gehabt haben“, meint Høegh-Dam.

Paninnguaq ist eine aktive Debattantin in Grönland. Als solche ist sie eine der Hauptpersonen des Dokumentarfilms „Kampen om Grønland“, aus dem dieses Foto stammt. Foto: Jørgen Chemnitz/Kampen om Grønland

Kleine Gemeinschaften lassen sich bewegen

Grönland ist, ähnlich wie die deutsche Minderheit in Nordschleswig, eine kleine Gemeinschaft, wo jede(r) jeden kennt. Gerade einmal 56.000 Menschen wohnen in dem riesigen Land.

„Alle wussten plötzlich, wer ich bin, und ich wurde beim Einkaufen in Brugsen erkannt. Wenn jemand die Sache auf den sozialen Medien kommentiert hat, wusste ich, wer der- oder diejenige ist. Das war schon hart“, erinnert sich Heilmann.

Die junge Frau meint jedoch auch, dass die kleine Gemeinschaft ihre Vorteile hat.

„Dadurch können wir leichter etwas bewegen. Ich halte es für realistisch, dass wir uns darauf einigen können, dass es in ganz Grönland eine Nulltoleranz gegenüber sexueller Belästigung geben soll. Das würde mich für meine kleine Tochter freuen.“

Ein wenig Stolz schwingt bei den Frauen auch bei dem Gedanken mit, dass diese intensive Debatte in Grönland früher als in Dänemark geführt wurde.

„Irgendwie ist es schon etwas cool, dass wir das als Erste aufgegriffen haben“, meint Paninnguaq Heilmann.

„Vielleicht haben wir ja sogar ein kleines bisschen dazu beigetragen, dass die Debatte auch in Dänemark angestoßen wurde. Schließlich haben auch dänische Medien über uns berichtet“, ergänzt Aki-Matilda Høegh Dam.

Wer selbst Erfahrungen mit dem Thema Sexismus in der Minderheit gemacht hat und (anonym) davon berichten möchte, kann sich an Kerrin Jens (kj@nordschleswiger.dk) oder Walter Turnowsky (wt@nordschleswiger.dk) wenden.

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